TAG 2: Wissen hilft: Mein Krebs – erste Erkenntnisse

Samstag, 29.11.2014

Was für eine Nacht! Hin- und hergerissen zwischen Gedanken um Angst, Verzweiflung, Trauer, Ärger, Hoffnung und Zuversicht hat mein Kopf fast die gesamte Nacht durchgerattert. An Ruhe war kaum zu denken, erst spät in der Nacht nicke ich für zwei oder drei Stunden weg. Erholung sieht wohl anders aus.

Neben vielen wirren, ungesteuerten Gedanken gibt es aber auch viel klares, deutliches Nachdenken: Was nun? Wie geht es weiter, wie gehe ich mit meiner neuen Erkenntnis um?

Ein wenig staune ich dabei auch über die Klarheit vieler Gedanken: Es ist völlig klar und liegt für mich auf der Hand, dass mein eigener Weg so aussehen wird, dass ich offen mit meiner Erkrankung umgehen muss. Eine Entscheidung, die jeder für sich ganz alleine treffen muss. Mein vor vielen Jahren krebserkrankter Vater hat dies völlig anders gehandhabt, eigentlich wusste die Familie lange Zeit nie so recht, was bei ihm los ist. Das kann ich nicht so handhaben und alles in mich hinein fressen – zumindest nicht bei dieser wichtigen, ja, lebenswichtigen Angelegenheit.

Präzise überlege ich mir in der Nacht, wem ich wann was erzähle. Meine Tochter – sie muss Bescheid wissen, heute schon! Wie schön und praktisch, dass sie hier ist und ich ihr das nicht am Telefon erzählen muss. Ihre Mutter – sie muss es dann auch bald wissen! Meine „Ursprungsfamilie“, sie wird nicht gerade viel Unterstützung bieten können, aber auch sie soll bald wissen, was los ist.

In der Nacht entwickle ich auch einen richtigen, klaren Plan, wie ich die Nachrichten auf meiner Arbeit bekannt geben möchte. Am Montag bei der erstbesten Gelegenheit werde ich mir meine direkte Vorgesetzte greifen und ihr erzählen, was los ist – schließlich muss sie sich am meisten Gedanken machen, was jetzt zu organisieren ist. Danach werde ich den Abteilungsleiter informieren – sobald er greifbar ist. Meine Chefin werde ich darüber hinaus bitten, eine große Besprechung mit allen direkten Mitarbeitern zu machen. Dort sollen sie erfahren, dass ich in absehbar wohl für längere Zeit ausfallen werde. Ich will einfach kein Getuschel hinter meinem Rücken – alle sollen klar wissen, was los ist.

Meine Freunde werden nach und nach auch informiert. Ihnen wird sicherlich eine wichtige Rolle zukommen – ihre Rolle wird Zuhören, Zuspruch und Unterstützung sein.

Alles das „ausgeheckt“ in dieser sehr schlafarmen ersten Nacht nach meiner Diagnose „Krebs“.

Aber so richtig habe ich ja noch gar keine Ahnung, was auf mich zukommt. Alles, was ich weiß, ist, dass ich ein „Lymphom“ habe und am 10.12. erstmals in der Onkologie des UKE sein werde.

An diesem Morgen allerdings schalte ich erst einmal in meinen „Funktionsmodus“. Es ist Samstagmorgen und ein paar Dinge sind zu erledigen.

Als ich zur gewohnten Zeit aufstehe und mit meinem Fahrrad die Wohnung verlassen will, steht meine Tochter unvermittelt vor mir: Sie kommt von ihrer Feier gerade erst nach Hause, ist bester Stimmung – und wird nun erstmal schlafen. Ich werde Geduld haben müssen, bis ich ihr die schlechte Nachricht beibringen kann.

Erstmal jedoch kaufe ich Brötchen in meiner Lieblingsbäckerei, gehe direkt nach dessen Öffnung zum Supermarkt – am Samstagmorgen um acht ruht Hamburg noch sehr in sich. Ich mag das.

Wieder Zuhause angekommen, funktioniere ich allerdings nur noch kurzzeitig. Den Einkauf wegräumen, zu mehr reicht es nicht. Frühstück – nein, danke! Mir ist eher schlecht, der Magen krampfartig zusammengepresst.

Da legt man sich am besten ins Bett! Und warum eigentlich die Klamotten ausziehen? Eigentlich ist doch alles egal!

Stundenlang liege ich dann da, unbeweglich, immer noch starr vor Schock. Das nennt man dann wohl Schockstarre. Und todmüde bin ich. Von was? Ist das schon der Krebs? Oder lediglich der Schlafmangel der letzten Nacht?

Aber der Wirbelsturm in meinem Kopf findet einfach kein Ende. Stundenlang starre ich die Decke an. Was für eine Scheiße ist mir da bloß passiert! Trübe Gedanken regieren mich. Angst! Angst vor Qualen! Angst vor dem Tod.

Irgendwann dann rappele ich mich doch auf, eher mühsam, lustlos. Eine große, riesige Anstrengung. Aber der Wirbelsturm verlangt nach weiterem Futter. Also klinke ich mich ins Internet – und suche nach dem einzigen Anhaltspunkt, den ich mir merken konnte: „Lymphom“.

Sicherlich – ich werde mich nicht auf Blogs oder Foren herumtreiben! Halbwissen ist im Moment nicht das, was mir weiterhelfen könnte. Aber schnell lande ich auf seriösen Seiten wie Wikipedia, Onmeda.de oder Lymphome.de und dort erkenne ich schnell auch einige Begriffe wieder, die ich tags zuvor vom Arzt vor allen Dingen in dessen Telefonaten gehört habe: „Hodgkin“ und „Non-Hodgkin“, „Zellreihe“ oder „maligner Tumor“.

Dumm nur, dass ich mir nicht habe merken können, was ich denn  nun habe: „Hodgkin“ oder „Non-Hodgkin“, „A-“ oder „B-Zellreihe“, „hoch maligner Tumor“ oder „niedrig maligner Tumor“. Aber genau da stecken die Unterschiede.

Also sammle ich erstmal ein paar allgemeine Informationen zusammen. In der Tat: Die Heilungschancen scheinen im Allgemeinen in der Tat ganz gut zu sein – puh! Aber auch dort gibt es Unterschiede, und ein wichtiger ist, natürlich, der Zeitpunkt der Entdeckung des Krebs. Klar. Und das weiß bei mir noch niemand. Also: Abwarten! Auch, wenn’s schwer fällt.

Klar wird mir allerdings, dass ich eine eher seltene Krebsart habe. Die Wahrscheinlichkeit, an einem Lymphom zu erkranken, liegt irgendwo bei der Wahrscheinlichkeit für einen Fünfer im Lotto. Vielleicht hätte ich doch besser Lotto gespielt? Aber bei der großen Krebs-Lotterie machen ja alle mit, und das lebenslang. Beim Lotto spielen vergleichsweise weniger Leute mit, und das auch nur über begrenzte Zeit. Von daher lernt man dann doch eher Leute mit einem Lymphom, als mit einem Fünfer im Lotto kennen.

Aber insgesamt kehrt ein Hauch Gelassenheit ein: Endlich weiß ich ein wenig! Endlich fange ich an, ein wenig Durchblick zu bekommen – ich spüre, wie meine Schockstarre sich ein ganz klein wenig lockert.

Wissen hilft!

Aber gerade rappelt sich nach der langen Nacht meine Tochter auf – endlich, ich wurde schon unruhig. Die erstbeste Gelegenheit nutze ich, um mich zu ihr zugesellen – und ihr etwas umständlich von meiner gerade erkannten Krebserkrankung zu erzählen. Allzu gut gelingt es mir nicht, es ihr „schonend“ beizubringen.

Aber zum ersten Mal kann ich sehen, welche Wucht das Verkünden einer solchen Wahrheit hat. Ich schaue in ein fassungsloses Gesicht, Tränen fließen – nun habe ich selber für einen Schock gesorgt.

Aber doch, und wie sonderbar: Es entsteht ein Moment voller Nähe und Zugewandtheit. Ein schönes Gespräch. Das vor allen Dingen bei mir für Entspannung sorgt. Puuh, einmal tief durchatmen! Es geht mir besser nach diesem Gespräch. Es ist eine völlig banale Erkenntnis, aber spätestens jetzt ist mir klar:

Reden hilft! Wissen hilft!

Alles andere wird sich zeigen, wenn ich durch Ärzte Hilfe bekomme – aber im Moment kann ich mir selber nur durch Reden helfen! Ich werde einstweilen alle, alle sich mir bietenden Möglichkeiten hierfür nutzen. Und so ein wenig von meiner Last auf die Schultern von Familie, Freunden und Kollegen verteilen.

Das wird mein Weg sein! Jeder muss da seinen eigenen Weg finden, anderen mag es helfen, sein Umfeld nicht mit einzubeziehen. Ich muss halt reden…

Nach dem Gespräch mit meiner Tochter jedenfalls ist es mir erstmalig wirklich möglich, auf andere Gedanken zu kommen. Wir tun, was wir schon immer gut konnten und liebten: Wir spielen ausgiebig ein Gesellschaftsspiel.

Sie gewinnt, knapp, um einen Zug. Aber wir haben Spaß und Freude. Die Schockstarre hat sich weiter gelöst. Das Leben geht weiter. Einstweilen.

In der Nacht jedoch rattert wieder der Wirbelsturm durch meinen Kopf. Keineswegs panische Angst, aber endlose Schleifen sausen mir durch den Sinn: Wie sage ich es? Wie sage ich es meinen Fußballfreunden, morgen im Stadion? Wie sage ich es den Kollegen? Ich feile in Gedanken an Formulierungen – in dem Wissen, dass mir diese doch nicht einfallen, wenn ich denn da sitze und mich erklären will.

Und was ist noch nötig, jetzt, bald? Banale Dinge: Vernünftige Adresslisten, die auch meine Tochter verstehen kann. Von Familie, Freunden, Kollegen, Ärzten. Was für Verträge habe ich eigentlich alles, vom Zeitschriften-Abo bis zum Internet-Server? Auflisten, das Ganze! Bankverbindungen? Auflisten und im Umschlag weglegen! Kennungen und Passwörter im Internet? Auflisten und Ablegen!

Eine Betreuungsvollmacht und eine Patientenverfügung – sind auch anzufertigen, so lange es mir gut geht! Wer weiß schon, was in drei Wochen oder in drei Monaten ist?

Damit kann man sich schon mal eine Nacht lang beschäftigen. Erst sehr, sehr spät sacke ich wieder in den Schlaf. Ähnlich, wie in der Nacht zuvor. Irgendwann beizeiten wird der Schlaf sich seine Notwendig nehmen, aber im Moment liegen andere wichtige Dinge an…

 

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