TAG 1096: Drei Jahre Krebs-Diagnose – Es herrscht Ruhe

Dienstag, 28.11.2017

Es ist ein besonderer Tag für mich heute: Der dritte Jahrestag meiner Krebsdiagnose. Das erfreuliche: Mein Leben läuft zumeist in ruhigen Bahnen, es gibt keinerlei Aufregungen um Gesundheitsdinge.

Und diese wirklich extrem lustigen Witzbolde, die meinen, es sei eine tolle Idee, in die Kommentarfelder dieses Blogs hineinzuschreiben, dass ich verstorben sei, dass ich tot sei, muss ich enttäuschen: Mitnichten! Ich bin nicht tot – es geht mir gut! Wahrscheinlich geht es mir sogar viel, viel besser, als solchen Leuten.

Und doch: Dieser Tag, an dem sich zum dritten Mal das Datum jährt, an dem mir auf ziemlich absurde und recht unfähige Weise beigebracht wurde, dass bei mir eine Krebvserkrankung entdeckt wurde, beschäftigt mich durchaus wieder eine Weile. Wie auch schon in den letzten beiden Jahren geht mir dieser Jahrestag durch den Sinn.

Zwei, drei Wochen vor diesem Datum kommen die Gedanken an die damalige Zeit wieder.
Meine Güte – die Diagnosezeit und die anschließende Therapie haben mich damals ganz schön durchgeschüttelt, auch und vor allem emotional. Auch die Bestürzung in meinem Umfeld ließ mich nicht kalt, zuweilen hatte ich ja fast Mitleid mit meinem völlig geschockten Umfeld und fühlte mich zuweilen eher in der Rolle des Trösters der Geschockten.

Geblieben ist davon eine deutlich erhöhte Aufmerksamkeit bei Bekannten, Freunden, Kollegen. Manchmal stört mich dieses recht beharrliche Nachfragen nach meiner Gesundheit beinahe ein wenig, manchmal mag ich gar nicht so recht an diese anstrengende Zeit erinnert werden. Aber immer benötigt es nur ein, zwei Gedanken – und es ist mir schnell klar, dass ich für diese Aufmerksamkeit dankbar sein sollte. Und das ist doch einfach nur gut!

Aber zwischen diesen Zeilen hier steht dabei ja auch: In meinem gewöhnlichen Alltag ist das Geschehen um meine Krebserkrankung meistens gar kein Thema mehr. Meistens zumindest. Mein Leben hat sich sehr normalisiert, im vergangenen Jahr sehr deutlich.

Meinte ich damals nach der Diagnose, und bei den pausenlosen Arztbesuchen die Gewissheit zu haben, dass mein Leben wohl nie wieder sein würde wie zuvor, so bin ich mir da heute nicht mehr so sicher… Eigentlich ist in meinem Leben sehr vieles wieder so, wie es auch vor der Erkrankung war.

Jedenfalls bin ich ein Mensch, der es mag, auf gewohnte Gleise einzuschwenken, wenn dies möglich ist. Durchaus ein „Gewohnheitstier“. Habe ich in einem früheren Leben oft gedacht, dass dies eigentlich verwerflich sei, dass man doch möglichst viel Neues ausprobieren und anstreben sollte, so bin ich da mittlerweile gelassener geworden. Nachsichtiger mit mir selber. Es herrscht viel Ruhe in meinem Leben – und ich mag und schätze das. Vielleicht ist es ja auch nur eine Frage des fortschreitenden Alters, aber immerhin nehme ich eine solche Selbstverständlichkeit mittlerweile also als selbstverständlich an.

Zu einer Selbstverständlichkeit werden mit der Zeit auch die Kontrolluntersuchungen. Diese stehen immer noch (und wohl noch weiterhin lange Zeit) regelmäßig an. Alle Vierteljahr geht es zu meinem niedergelassenen Onkologen – Blutkontrolle. Zu meiner Freude lockerte er im Frühjahr die Kontrolldichte an anderer Stelle etwas: Es geht bis auf Weiteres nur noch alle halbe Jahr „in die Röhre“ für ein MRT des Kopfes – wo kontrolliert wird, ob in der damals befallenen Kieferhöhle weiterhin nichts Neues wächst. Meine Augenärztin (mein kurz zuvor operiertes rechtes Auge wurde durch die Bestrahlung in Mitleidenschaft gezogen) will mich alle zwei bis drei Monate sehen. Einmal im Jahr geht es in das Universitätsklinikum Eppendorf für die Nachsorge der Strahlentherapie. Hin und wieder zum Kieferchirurgen, der kontrolliert, ob alles gut verheilt. Und das ist es denn derzeit mit den Kontrolluntersuchungen.

Besonders aufregende Ergebnisse hat es dabei zuletzt nicht gegeben. Alle maßgeblichen Messwerte im Rahmen des Normalen – seit mittlerweile fast einem Jahr. Großartig! Kein Grund, sich sonderlich zu sorgen.

Und doch – ich will es nicht verhehlen: Es ist immer ein kribbeliges, unruhiges Gefühl, wenn ich eine Woche nach der Blutentnahme bei meinem Onkologen anrufe, um die Ergebnisse zu erfragen. Schließlich weiß ich genau, dass er mit ein paar Worten mein Leben wieder komplett aus den Angeln heben kann. Dafür ziehe ich mich dann, üblicherweise während der Arbeitszeit, in mein Büro mit geschlossener Tür zurück. Um dann zuletzt immer mit bester Laune wieder zu den Kollegen zu kommen.

Aber, wie schon geschrieben: In dem zurückliegenden Jahr gab es da nichts Beunruhigendes. Die wahren Gefahren für Leib und Leben lauern ziemlich geballt eher an anderer Stelle auf mich. Etwa zehn- bis fünfzehnmal im vergangenen Jahr wäre ich auf meinem Fahrrad im Hamburger Straßenverkehr durch acht- und rücksichtslose und sämtliche Regeln missachtende Autofahrer (bzw. „Gefährder“) zu Tode gekommen, wenn ich nicht extrem aufmerksam gewesen wäre (und in wesentlich mehr Situationen, die mich ins Krankenhaus hätten bringen können). Und während drei Tagen auf der Ostseeinsel Fehmarn war mir der Sensenmann gleich mehrfach ganz nah auf den Fersen und verpasste mich nur um Sekunden. Aber: Ich habe Fehmarn überlebt! Mit viel Glück.

Ich fange also an, zu verstehen und mich daran zu gewöhnen, dass mein Leben in dieser Welt – bei Lichte betrachtet – oft genug an einem seidenen Faden hängt. Welch banale Erkenntnis: Leben ist lebensgefährlich. Meine Krebserkrankung ist da doch nur eines von vielen Gefahren – was also sollte mich an meinen Krebswerten noch erschüttern? Und worauf sollte ich warten, um es mir gut gehen zu lassen?

 

Killer auf Fehmarn

Da relativiert sich Ende September doch so Einiges: In diesem vermeintlich einigermaßen idyllischem Bild vom Stadtrand von Burg auf der Insel Fehmarn steckt eine für mich viel größere, lebensbedrohlichere Gefahr, als meine gesamte Krebserkrankung bisher dargestellt hat.
Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs, fahre recht zügig. Dort vorne aus dem Auto heraus möchte jemand mit einem Gewehr quer über die Straße schießen. Ich sehe das Gewehr erst zwei oder drei Meter vor dem Auto, kann nicht mehr bremsen und bin auch viel zu überrascht dafür. Der Killer – voll im Anschlag zum Schuss – bemerkt mich in der letzten Zehntelsekunde. Und drückt nicht ab, erschießt mich nicht aus zwei Metern Entfernung.
Glück gehabt! Fehmarn – überlebt!
Solange man sein Leben an solche seidenen Fäden hängen muss, braucht man sich um Krebs eigentlich gar keine Gedanken mehr zu machen.

4 Gedanken zu „TAG 1096: Drei Jahre Krebs-Diagnose – Es herrscht Ruhe

    1. dirk@mein-krebs-und-ich.de Beitragsautor

      Hallo Britta,
      vielen herzlichen Dank!
      Die guten Wünsche für 2018 erwidere ich für Dich und Deine Familie gerne.
      Dirk

      Antworten
  1. Angelika Plunder

    Lieber Dirk,
    auch ich möchte dir für das Neue Jahr alles erdenklich Gute und die beste Gesundheit wünschen.
    Ich stehe noch ganz am Anfang mit meinem “ Schicksal “ ( ED 09/17 ) und deine Beiträge habe ich regelrecht verschlungen.
    Es hat mir unglaublich viel geholfen den Mut und das Vetrauen nicht zu verlieren

    Herzichen Dank für all das was ich daraus mitnehmen durfte.

    Liebe Grüße
    Angelika

    Antworten
    1. dirk@mein-krebs-und-ich.de Beitragsautor

      Liebe Angelika,
      vielen Dank für den netten Kommentar!
      Und es freut mich sehr, wenn ich mit meinem kleinen Blog und ein paar Gedanken ein wenig weiterhelfen kann.
      Alles Gute und viele Grüße
      Dirk

      Antworten

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