TAG 1: …und der Arzt sagt: „Das ist ein bösartiger Tumor“

Freitag, 28.11.2014

Worte klingen durch den Raum, sonderbare, fremde Worte: „Hodgkin“, „malignes“, „Lymphom“, „Zellreihe“, „Plasmozytom“.

Hm, welche Sprache spricht dieser weiße Kittel mit zwei Doktortiteln dort vor mir eigentlich?? Während ich mich bemühe, irgendetwas von dem zu begreifen, was auf mich hereinbricht und ich immerhin den Fetzen „Lymph“ verstanden habe. Akustisch zumindest. Aber ich habe das Gefühl, das Gesagte hat ernsthafte Bedeutung!

Der Junge Mann im weißen Kittel erklärt nach einem kurzen Moment weiter: Es sei wirklich recht gut heilbar! Ein chirurgischer Eingriff sei nicht nötig. Alles ließe sich mit einer Chemotherapie behandeln.

CHEMOTHERAPIE??? Wie jetzt – Chemotherapie?? Was will der mir da sagen? Will der mir etwa erzählen, dass ich Krebs habe? Krebs? KREBS? Ich?

Wie paralysiert sitze ich auf dem Behandlungsstuhl in der MKG im UKE – also in der Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.

Moment, Moment, MOMENT mal, Herr Doktor! Ich habe gerade überhaupt nichts verstanden! Was war das gerade? Chemotherapie? Krebs? Lymph-Krebs? Äääh – was ist los?

Vor drei Wochen war ich operiert worden, hier von der MKG-Chirurgie. Ein schon seit 14 Jahren immer wieder problematischer Zahn hatte sich gelöst. Drei Wurzelspitzen-Resektionen hatte ich vor längerer Zeit schon an dem Zahn über mich ergehen lassen. Jetzt wusste ich: Das Ding muss raus! Meine Zahnärztin jedoch sieht einen Schatten in meiner Kieferhöhle, schickt mich erstmal zum HNO-Arzt, der leitet mich zunächst zum Radiologen und danach zum Kieferchirurgen weiter. Dieser jedoch will selber gar nichts machen und schickt mich ins Krankenhaus. Das CT-Bild sähe zu sonderbar und ungewiss aus.

Dort operiert man mich dann ein paar Tage später, der Eingriff unter Vollnarkose ist nicht sehr groß. Der Zahn kommt raus und anstelle seiner habe ich nun ein Röhrchen im Mund mit einer direkten Verbindung zwischen Mund und Kieferhöhle. Das dort angesammelte Gewebe hat man teilweise entfernt, es soll histologisch untersucht werden, erklärt man mir. Also, übersetzt: Es wird geschaut, ob dort irgendetwas gewuchert ist, etwas böses oder weniger böses.

Das kenne ich, von einigen kleineren, früheren Eingriffen. Zuletzt gab’s eine histologische Untersuchung nach einem kleinen Eingriff am Rücken vor gerade mal vier Monaten. Die Prozedur danach war dann immer denkbar einfach: Man geht zum Arzt, der schaut ein paar Sekunden auf den Befund, er erklärt, dass nix auffälliges zu finden war – und das Leben geht weiter wie zuvor.

Aber vorhin, also heute morgen, war es etwas anders. Nicht eine Sekunde hatte ich gedacht, dass man etwas Bösartiges aus meiner Kieferhöhle heraus geholt hat. Als der Arzt dann aber länger, als die üblichen drei oder fünf Sekunden auf den Befund schaute, da stutze ich. Als er schon eine Minute und mehr mit dem Schreiben beschäftigt ist – da werde tatsächlich ernstlich unruhig! Da steht irgendwas blödes – denke ich!

Und tatsächlich, gerade hat der Arzt etwas sehr Blödes erzählt!

CT-Bild Kieferhöhle

Das ist er, der Feind in meinem Kopf: Die Kieferhöhle auf dem Bild links (in Wirklichkeit ist es meine rechte) ist „vollverschattet“, wie es so schön heißt. Das ist er – mein böser Feind!

Er wiederholt die Diagnose – und ich verstehe wieder nichts. Aber diesmal fügt er noch etwas hinzu: „Das ist ein bösartiger Tumor“ und etwas gepresst sagt er noch etwas von „Krebs“ – aber ich merke: Der Begriff passt ihm eigentlich überhaupt nicht. Für ihn ist es ein „Lymphom“ – immerhin diesen für mich neuen Begriff kann ich mir merken. Er betont deutlich noch einmal: KEIN chirurgischer Eingriff ist nötig. WIRKLICH gute Heilungschancen! Im Übrigen würden die histologischen Untersuchungen einstweilen noch weitergehen, bei Experten in Lübeck.

Paralysiert sitze ich da, wie in Trance. Krebs! Ich! 1000 Fragen habe ich da! Komisch nur: Es fällt mir gerade keine einzige von diesen Fragen ein. Mein Kopf ist total voll – und leer zugleich. Alles ist durcheinander und wirr. Ein Hurricane im Kopf. Kein klarer Gedanke. Mit wenigen Sätzen hat der Arzt gerade mein komplettes Leben auf den Kopf gestellt.

DOCH! DA: Ein klarer Gedanke, eine Frage. Moment, Herr Doktor, wenn der Krebs im Lymphsystem ist, dann muss er doch im ganzen Körper verteilt sein, oder? (im Nachhinein betrachtet ein ziemlich klarer, cleverer Gedanke!)

Ich bekomme eine Antwort, aber der Wirbelsturm in meinem Kopf vermixt alles sofort. Es sei wohl nicht zwangsweise so, dass sich die bösen Zellen schon überall hin ausgebreitet haben. Allein: mir fehlt der Glaube…

Ob ich denn krank geschrieben werden möchte? fragt er mich. Um Himmels Willen, nein! Dann säße ich Zuhause und zerbräche mir den Kopf – die sicherste Methode, sich fertig zu machen. Nein, nein – ich fühle mich schließlich nicht andeutungsweise krank. Alles ist in Ordnung, keinerlei Beschwerden – abgesehen von dieser kleinen Röhre im Mund.

Er setzt sich ans Telefon, organisiert Termine in der Radiologie – er will ein CT von meinem gesamten Oberkörper – und in der Onkologie. In zehn Tagen wird dort meine Krebsbehandlung in Angriff genommen. Ihn selber werde ich in einer Woche wiedersehen. Und jetzt bitte zur Blutentnahme und dann noch mal kurz für die Terminbestätigung zur Radiologie. Und alles Gute, Tschüss!

Also tapse ich zur Blutentnahme – es gibt eine erfreulich kurze Wartezeit. Die Schwester, die mir das Blut entnimmt, wirkt genervt und gelangweilt zugleich. Ich scheine sie zu belästigen.  In meiner Fassungslosigkeit nehme ich das nicht wirklich wahr und erlaube mir sogar noch, sie freundlich zu fragen, wie ich denn jetzt zur Radiologie käme. Diese Frage – eine Zumutung, natürlich! Der Kragen platzt ihr, für solche Auskünfte habe man schließlich eine Information! Das sei überhaupt nicht ihr Job!       Dass ich sie um etwas so Niederem wie eine Wegbeschreibung bitte, scheint sie sehr zu beleidigen.

Ich wage nun nicht mehr zu fragen, wie ich denn in diesem unübersichtlichen Riesengebäude zur Information komme… Und wünsche von Herzen (aber nur im Stillen), dass auch sie einfach mal auf Hilfe angewiesen ist – um zu lernen, wo sie hier eigentlich arbeitet.

Kollegen von ihr bringen mich auf den Weg, mein Termin ist schnell bestätigt – für heute ist mein Programm im UKE durch. In zwanzig Minuten beginnt eine wichtige Besprechung bei mir auf der Arbeit, also zügig jetzt! Ich funktioniere noch in dem gewohnten Modus. Wie eine Maschine.

Und dann stehe ich auf der Straße – und stelle verwundert fest: Die Welt ist die gleiche geblieben! Nur meine eigene Welt, sie steht gerade still. Sie steht dabei Kopf, sie ist aus den Fugen geraten. Krebs! Ich!

Wie benebelt fahre ich zur Arbeit, die elf Kilometer Weg schaffe ich mit dem Fahrrad gegen den kräftigen Wind natürlich nicht in zwanzig Minuten. Lande trotzdem ziemlich zügig in der Besprechung – es geht um die IT-Planung der Jahre 2016 und 2017. Unbeteiligt und abwesend sitze ich da, denke mir: Über was redet Ihr denn da? Was interessiert mich das alles eigentlich? Vielleicht bin ich 2016 ja schon tot? Wer weiß? Wie hieß doch gleich meine erste Diagnose? Schon vergessen…

Den Kollegen sage ich allerdings einstweilen nichts, schwimme durch den Tag, konzentrieren kann ich mich auf nichts.

Eine aufmerksame Kollegin aus meinem engeren Arbeitsumfeld jedoch fragt, ob sich ihr Daumen-Drücken heute morgen für mich gelohnt habe, ich sage nur kurz und knapp „nein“ – und sie fragt glücklicherweise nicht weiter nach und interpretiert es offenbar so, als habe ich noch immer keine Ergebnisse der Untersuchungen erhalten. Ein anderer Kollege kommt nach einiger Zeit und erkundigt sich ebenfalls, ob denn der histologische Befund da sei. Ich kann ihm nicht ins Gesicht lügen, schaue aus dem Fenster und sage, nein, es würde noch weiter untersucht werden. Letzteres stimmt ja irgendwie auch.

Auf der Arbeit funktioniere ich trotz der Konzentrationsmängel ganz gut, die große Fassungslosigkeit kommt beim Mittagessen. Eine Kollegin gesellt sich zu mir, ihr hatte ich vor einiger Zeit erzählt, dass ich so eine blöde Zahn-Kiefer-Kieferhöhlen-Operation hatte. Sie erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden. Ich weiche aus – und sie erzählt mir, dass sie sich so dafür interessieren würde, weil ihr Zahnarzt schon vor fünf Jahren festgestellt hätte, dass ihre Kieferhöhle auch „totalverschattet“ sei.

Exakt so fing meine Ärzterallye auch an – allerdings erst vor vier Wochen. Und jetzt weiß ich, ich habe Krebs. Und sie läuft seit fünf Jahren mit dem gleichen Symptom herum – und nichts passiert, der Zahnarzt ignoriert das einfach. Aus meiner in den letzten Wochen gewonnenen Erfahrungen weiß ich sicher, dass es völlig ausgeschlossen ist, auf Zahnarzt-Röntgenbildern zu unterscheiden, welcher Art dieser „Schatten in der Kieferhöhle“ ist.

Jetzt bin ich kurz davor, hier in der Kantine die Fassung völlig zu verlieren. Sage der Kollegin, sie solle den Zahnarzt mal vorübergehend zum Mond schicken und bitte, bitte einen Termin bei einem HNO-Arzt machen. Und dies bitte bald! Ihr direkt zu sagen, dass dies bei mir eben Krebs ist, schaffe ich gerade noch nicht. Die Kombination aus „Ich“ und „Krebs“ passt momentan noch nicht zusammen.

Da sitze ich also, habe gerade vor gut zwei Stunden erfahren, dass ich Krebs habe – und da erzählt mir die Kollegin ziemlich locker, dass sie ja genau die gleichen Symptome habe. Unfassbar! Momentan jedoch würden ihr solche Termine bei HNO-Ärzten gar nicht passen, sie überlege es sich dann mal im Frühjahr, ob sie einen Termin macht. Oh Gott, denke ich! Bizarr!!

Der Rest der Arbeit funktioniert, irgendwie. Aber ich muss da weg – so früh wie möglich. Auf dem Nach-Hause-Weg kehre ich noch in einem Café ein, starre gedankenverloren in meinen Milchkaffee. Und was Gutes will ich mir tun, kaufe auf dem Heimweg noch ein Stück von meinem Lieblingskuchen aus meiner Lieblingsbäckerei.

Daheim angekommen jedoch merke ich, dass ich allerdings überhaupt keinen Hunger verspüre, im Gegenteil. Mein Magen fühlt sich total zusammengekrampft an. Eigentlich der ganze Körper.

Bisher funktionierte er. Jetzt ist es vorbei.

Jetzt kommt der Schock.

Ja – erst jetzt kommt der Schock bei mir an, wo ich alleine zuhause bin. Jetzt haut es mich um.

Eine riesige Welle aus Angst, Selbstmitleid und Fassungslosigkeit überrollt mich. Erst jetzt.

Ich lege mich aufs Bett, heule Rotz und Wasser. Mein ganzes Erwachsenenleben habe ich Angst vor dem gehabt, was heute geschehen ist. Nie habe ich gedacht, ich werde schon noch verschont bleiben vor schlimmen Diagnosen. Jetzt ist es soweit. Scheisse! SCHEISSE, SCHEISSE, SCHEISSE!!!

Aus dem Krankenhaus hat man mich ohne jegliche Informationen entlassen. Darüber bin ich mittlerweile reichlich verärgert! Wie kann das sein? So ein großes Krankenhaus mit so unendlich viel Erfahrungen! Und dann wird da gesagt: Sie haben Krebs, gute Heilungschancen, wollen Sie krank geschrieben werden, nein?, gut, dann bis nächste Woche, tschüss, alles Gute.

Das KANN so nicht sein! Selbst, wenn die Krebs-Diagnose objektiv betrachtet vielleicht nicht überaus dramatisch, wie bei einigen anderen, ist: Für Patienten – also in diesem Falle für mich – ist es dies womöglich schon! Man benötigt als Patient mit der Diagnose Krebs dringend ein paar Grundinformationen, wie es weitergeht. Jede Klinik sollte dazu zwangsverpflichtet werden, Patienten nach solchen Diagnosen einem Psychologen vorzustellen. Für ein paar Grundinfos, etwas Beistand und für eine Telefonnummer, die erreichbar ist.

Ohne jegliche Informationen bleibt einem nämlich nur eines: Angst!

Werde ich noch den nächsten Geburtstag  meiner Tochter erleben? Werde ich erleben müssen, wie mein bevorzugter Fußballverein in einigen Monaten sang- und klanglos aus der Liga absteigt? Werde ich noch einmal die Cyclassics fahren können? In Urlaub fahren? Wird mein Arbeitsleben mit der Aufnahme in der Onkologie am 10.12. enden? Womöglich für immer? Ich habe keinen Schimmer, keine Ahnung! Was für ein Entsetzen! Verzweiflung pur!

Das einzige, was ich erinnere, ist der Begriff „Lymphom“. Ich werde ihn im Internet suchen müssen – was bleibt mir ansonsten übrig? Aber heute geht das nicht. Es ist, als hätte jemand alle Kraft aus mir gesogen.

Mein Schutzengel jedoch ist noch nicht völlig verschwunden. Er schickt mir einen Telefonanruf. Von einer Freundin, mit der ich schönes, zugewandtes Verhältnis habe – auch, wenn wir uns nicht allzu oft hören und sehen. Der letzte ausführliche Kontakt ist rund ein halbes Jahr her. Und gerade jetzt ruft sie an – perfekter hätte der Zeitpunkt nicht sein können! Sie reißt mich aus meiner Lethargie und meinem Selbstmitleid, ist der erste Mensch, dem ich meine Neuigkeiten und meine (Todes-)Angst erzählen kann. Ich erzähle ihr alles, was mir auf dem Herzen liegt.

Was für eine Wohltat! Ein Hauch Entspannung, sie stützt mich per Telefon, fängt mich auf, ein wenig. Der perfekte Zeitpunkt! Der Himmel hat sie geschickt und ich bin ihr so dankbar!

Zwischendurch klingelt es an der Tür – meine Tochter kommt. Keineswegs überraschend, das war lang geplant, es gab eine Einladung zu einer Feier. Sie wohnt 100 km entfernt und wird mein Wohnzimmer für die Übernachtung nutzen. Später ist sie da, als angekündigt, auch das keine Überraschung, und verschwindet kurz danach zu ihrer Feier. Natürlich wäre es Quatsch gewesen, ihr mitzuteilen: Ach übrigens, ich habe Krebs – und nun viel Spaß auf der Party, tschühüss!

Dafür ist Zeit bis morgen. Besser ist, das Gespräch mit meiner vom Schutzengel geschickten Bekannten fortzusetzen, das ich kurzzeitig unterbrochen habe.

Danach klappt sogar ein wenig Ablenkung: Ein spannender Schweden-Krimi im Fernsehen. Aber vor der kommenden Nacht – da habe ich doch gehörigen Respekt…

 

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