TAG 3: Wann krank, wann gesund?

Sonntag, 30.11.2014

Was für eine Nacht war das wieder! An Schlaf war kaum zu denken, trotzdem bleibe ich auch morgens recht lange im Bett liegen. Starre vor mich hin, lasse Gedanken kreisen – nachdem ich nachts eher gezielte Überlegungen angestellt hatte.

Eine der blödesten Eigenarten der zweiten Fußball-Bundesliga ist jedoch, dass die Spiele zu völlig unmöglichen Zeitpunkten beginnen. Am Wochenende starten die Spiele mittags. Und für mich steht heute ein Heimspiel meines bevorzugten Fußball-Vereins auf dem Programm. Dort treffe ich mich immer mit einer ganzen Gruppe Freunden.

Soll ich denen erzählen, dass dies womöglich für längere Zeit, vielleicht überhaupt mein letztes Heimspiel sein wird? Schließlich steht bei mir die Chemotherapie an. Ich weiß zwar noch gar nicht richtig, wie und wann die startet – aber sie wird kommen. Und ich will und muss es ihnen erzählen!

Aber erstmal komme ich aufgrund der Rahmenbedingungen etwas in Zeitdruck – schließlich sollte man für einen guten Stehplatz auch mindestens eine Stunde vor Anpfiff im Stadion sein.

Beim Frühstück, unter der Dusche und immer noch auf dem Fahrrad beim Weg ins Stadion mache ich mir Gedanken: Wie bringe ich es ihnen bei?

Es taucht eine völlig neue Facette auf: Ich entwickle in Bezug auf meine Krankheit so etwas wie Sarkasmus und Schwarzen Humor. Ich bekomme eine große Lust, es ein wenig auf die Spitze zu treiben. Am liebsten würde ich zu meinen Leuten sofort sagen: Hey, hallo, ich bin todkrank und es ist mir sowas von egal, ob wir hier heute verlieren. Und wenn wir am Ende der Serie absteigen – was zu erwarten ist – dann ist mir das noch egaler, dann bin ich ja eh schon tot!

Vielleicht sollte ich die ganze Zeit „Scheissegal, scheissegal, scheissegal!“ rufen? Das wurde vor zwanzig Jahren nach den Niederlagen allgemein gerufen. Inzwischen pfeift man nach Niederlagen lieber dämlich herum – wie überall auf der Welt. Letztlich entscheide ich mich gegen die provokante Variante und verschiebe die Information über meine Krebs-Erkrankung auf das gesellige Zusammensein nach dem Spiel. Aber meine Lust auf Schwarzen Humor wächst an.

Verlieren tut unser Verein trotzdem, natürlich, obwohl ich kein dämliches Zeugs rufe. Und sackt auf den allerletzten Tabellenplatz ab, einen Abstiegsplatz. Ich allerdings sehe mich selber nicht auf einem Abstiegsplatz – vielleicht auf einem Relegationsplatz. Aber der Klassenerhalt ist bei mir durchaus noch drin!

Später dann, beim Essen, sehe ich in entsetzte Gesichter. Die Erschrockenheit ist sichtbar groß. Aus eigener Erfahrung weiß ich auch, dass man sich so entsetzlich hilflos fühlt, wenn man von jemandem zu hören bekommt, er habe Krebs. Was kann man schon tun?

Meine Freunde reagieren allerdings sehr zugewandt, fühlen mit, bieten mir allesamt und jeder einzeln Hilfe an. Einer der Anwesenden, selber langjähriger Personalrat, hat gleich einige Hinweise parat. Am besten solle ich gleich nach feststehender, kompletter Diagnose eine Schwerbehinderung beantragen, mir stünden dann mehr Urlaubstage und eventuell auch Steuererleichterungen zu. Und ich hätte einen zusätzlichen Kündigungsschutz – aber für mich im Öffentlichen Dienst ist das eh nicht sehr relevant.

Ich beharre aber schon bald darauf, dass „ich nicht nur Krebs bin“, und bald schon reden wir wieder über völlig andere Dinge, machen unsere Scherze und lachen. Und ich lache mit, von Herzen. Tut das gut! Diese Freunde fangen mich gerade wieder auf, holen mich aus dem Loch. Ich bin ihnen so dankbar!

Im Laufe des Gesprächs wird mir erst richtig bewusst, in was für einer bizarren Situation ich stecke: Eigentlich geht es mir gut, ich habe keine Beschwerden, die kleine OP von Anfang November ist weitgehend fertig behandelt. Es geht mir also gut – aber ich bin tödlich krank. Und man muss erstmal dafür sorgen, dass es mir richtig schlecht geht, damit ich wieder gesund werde. Eigentlich doch absurd, oder? Da stellt sich doch die Frage: Was ist eigentlich „Gesundheit“?

Zum Abschied nehmen alle mich etwas länger und fester in den Arm, als sonst üblich. Und ich verstehe schnell: So eine Krisen-Situation kann auch Nähe schaffen. Irgendwie steckt auch eine Chance darin.

Es geht mir deutlich besser, als ich nach Hause radle – trotz Niederlage und letztem Tabellenplatz. Kaum bin ich dort angekommen, merke ich, dass mein Schutzengel schon wieder aktiv war: Einer meiner engsten Freunde ruft an, er pendelt üblicherweise zwischen Frankfurt und Berlin. Aber in der kommenden Woche sei er in Kiel. Und meint, das sei doch eine gute Gelegenheit, dass er mal auf einen Abstecher nach Hamburg vorbeikommt.

Auch ihn schickt der Himmel! Genau so etwas kann ich gerade gebrauchen! Ich erzähle ihm schon von meiner Krankheit – und wir verabreden uns für den Dienstag.

Ein paar Informationen sammle ich dann noch im Internet, einige Fragen kamen mir in den Sinn bzw. durch die Fragen meiner Freunde. So etwas notiere ich mir einstweilen auf einen Zettel.

Doch dann lege ich mich zügig ins Bett. Keine Gedanken mehr an den Tag morgen, an die Arbeit und mein „Krebs-Krankheits-Coming-Out“ dort.

Ich schließe die Augen und schlafe ein, einfach so.

Der große Schock ist erstmal abgesackt. Es geht mir erst einmal besser!

 

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