TAG 4: Schutzengel am Werk

Montag, 1.12.2014

Der Feueralarm heute auf der Arbeit erwischt mich auf dem völlig falschen Fuß! Eigentlich muss ich dabei darauf achten, dass auf „meiner“ Etage alle ihre Räume verlassen. Aber irgendwie lasse ich mich von lustlosen und genervten Kollegen ablenken und versäume, in einige Räume der insgesamt 40-50 Räume der Etage zu schauen. Einige Kollegen nutzen das, um bei der eisigen Kälte trotz des Alarms im Gebäude zu bleiben. Idioten!

Kurz: Ich mache Fehler! Bin unkonzentriert, etwas neben der Spur.

Das ist nicht wirklich verzeihlich, denn der Alarm war keine Übung! Zwar hat es, glücklicherweise, nicht wirklich gebrannt in unserem Laborgebäude. Eine defekte Ölpumpe benebelte einen Sensor und löste den Alarm aus. Beeindruckend schnell war die Feuerwehr vor Ort. Für mich steht dann Ärger an, weil ich nachlässig war.

Direkt nach Ende des Alarms stratze ich also zu meinem Abteilungsleiter und erzähle ihm, was mir da bei dieser Alarmierung widerfahren ist, erläutere ihm mein leicht fehlerhaftes, aber bestimmt auch nicht zu ignorierendes Verhalten. Zu dumm, ich ärgere mich selber, und das auch vor ihm! Wahrscheinlich mehr, als die anderen. Dieses völlig offensive und klare Verhalten war so nicht immer selbstverständlich für mich – aber seit dem Bekanntwerden meiner Krebserkrankung habe ich öfters schon bemerkt, dass ich Klarheit brauche und dass für Geplänkel einfach kein Platz mehr ist.

Irgendwelches dämliches Verhalten kann ich gerade nicht gebrauchen! Das ist Ballast, das muss geklärt werden, sofort! Bevor es überhaupt zu einer Belastung werden kann. Eigentlich eine ganz wohltuende Klarheit. Warum mache ich dies nicht immer so?

Natürlich nutze ich auch die Gelegenheit, um meinem Abteilungsleiter von meiner Erkrankung zu erzählen. Er ist geschockt und mitfühlend, will vieles wissen. Natürlich ist eine solche Nachricht für Vorgesetzte auch schlicht ärgerlich, bedeuten sie doch auch einfach Probleme auf der Arbeit.

Das war auch schon früher am Tag ähnlich, als ich meine Krankengeschichte meiner unmittelbar Vorgesetzten erzählte. Eigentlich gab es für uns eine Aufforderung, ein Beurteilungsgespräch zu führen. Als „ernst, aber nicht hoffnungslos“ beurteile ich selber meine Lage – fange ich unser Gespräch darüber an. Eigentlich soll das Gespräch über meine Arbeitsleistung gehen, ich hingegen redete nur über meine Gesundheit.

Das erschreckte bis geschockte Gesicht meiner Chefin registriere ich durchaus, als ich sie zunächst forsch auffordere, Platz zu nehmen (ganz untypisch bei unseren Gesprächen), zur Tür (die bei mir sonst immer offen steht) gehe, diese schließe und einen ernsten Ton anschlage. Es ist einfach keine schöne Situation, anderen Leuten die bittere Wahrheit zu erzählen. Dies fällt mir schon schwer – aber es stehen noch viele solcher Gespräche bevor.

Durchaus ein unangenehmer Teil bei der ganzen Sache „Krebs“: Alle sind erschreckt, alle spüren ihre eigene Hilflosigkeit, alle wollen helfen – aber können dies bestenfalls indirekt. Alle denken auch an sich, machen sich unausgesprochene Gedanken und Sorgen, dass das Böse vielleicht auch in ihnen schlummert. Es ist ein „naher Einschlag“, wenn ein Betroffener einem seine Krebserkrankung direkt erzählt.

Aber mir wird Unterstützung zugesagt – und auch für mich ist völlig klar, dass ich meine Arbeiten und Themen nicht einfach sausen lassen werde, sondern weitergeben und fortführen will, wo es nur geht. Ich kann doch die Arbeit der letzten Jahre nicht einfach sausen lassen! Das muss doch alles weitergehen! Das ist doch alles auch mein Projekt im Hamburger Luftmessnetz!

Auch, wenn ich wohl für längere Zeit ausfalle. Oder, wer weiß: Vielleicht ja für immer? Ja, auch Undenkbares ist für mich plötzlich denkbar geworden, wenn auch als hässlicher Gedanke empfunden.

Meinem Wunsch, am folgenden Tag eine große Besprechung durchzuführen, kommt meine Chefin unmittelbar nach. Es wird kein Vergnügen, meinen direkten Kollegen von meiner Krebserkrankung zu erzählen. Aber ich bin mir sicher, dass dies der richtige Weg ist, damit umzugehen.

Insgesamt funktioniere ich ganz gut auf der Arbeit. Sie zentriert, erdet und stützt mich in meiner außerordentlichen Situation. Es ist kein „Business as usual“ und ein wenig schwebe ich in einer Art Zwischenwelt. Aber: Ich verliere nicht den Halt. Und das ist gut so!

Für den Abend habe ich mir zwei Telefonate mit wichtigen Personen vorgenommen – aber mein Schutzengel hat etwas andere Pläne. Als ich nach der Arbeit nach Hause komme, war er schon wieder aktiv gewesen. Denn als ich mein Fahrrad verstaue, stellt er mir eine Nachbarin in den Weg – mit der ich hin und wieder schon bemerkt haben, dass wir gut reden können. Kein Wunder, sie ist Kommunikationsprofi!

Und, was sie gerade in meiner momentanen Lage ganz besonders macht: Sie ist vor kurzem von ihrem Krebs genesen, für gesund erklärt worden. Und sie geht offen mit ihrer Erkrankung um. Sie hatte von meiner „kleinen Operation“ Anfang November erfahren und prompt fragt sie mich, wie es mir geht – noch, bevor ich sie nach ihrem Wohlbefinden fragen kann.

Klar hätte ich sagen können: Prima, alles klar – und bei Dir? Aber es ist für mich nicht die Zeit fürs rumlabern. Also ergreife ich zögernd, noch ein wenig aus der Puste vom Radfahren, die sich mir bietende Chance. Seit ein paar Tagen würde ich ihr nacheifern. Ich hätte jetzt auch Krebs – merke ich an.

Es entspinnt sich daraufhin ein ebenso spontanes, wie auch schönes und für mich extrem hilfreiches Gespräch, für das ich nur dankbar sein kann. Sie hatte auf ihrem langen und harten Weg viele Erfahrungen selbst gesammelt und sich, spätestens auf der Reha, mit vielen anderen Erkrankten der verschiedensten Krebsarten ausgetauscht. Und vieles von ihrem Wissen landet nun als Info bei mir. Das hilft mir ganz unmittelbar: Für ruhigere Nächte brauche ich mehr Wissen. Denn:

Wissen hilft! Reden hilft!

Keine Frage: Mein Schutzengel muss sie geschickt haben in genau diesem Moment! Zwar weiß ich immer noch gar nicht richtig, was für eine Krebsart ich eigentlich habe – aber ich komme voran damit, mich langsam auf die neuen, unschönen Umstände einzustellen.

Und, immerhin: Ich kann nach den ersten aufgeregten, anstrengenden Nächten wieder ruhig schlafen. Etwas angespannt wache ich aber doch vor dem Klingeln des Weckers am Morgen auf – das ist dann doch unüblich für mich.

 

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