TAG 5: Mein „Niedrig-malignes Non-Hodgkin Lymphom der B-Zellreihe“

Dienstag, 2.12.2014

Betretene Gesichter bei den Kollegen. Da muss ich selber wohl für etwas Aufheiterung sorgen: Also, sie sollen mal gar nicht hoffen, dass ich mit 21 Tagen Resturlaub, 80 Überstunden und dem einen noch ausstehenden Tag Sonderurlaub für mein gerade begangenes Dienstjubiläum, bereit bin, in „die Kiste“ zu springen! Soweit werde ich es nicht kommen lassen! Sie werden mich schon noch weiter ertragen müssen.

Trotzdem sind die Reaktionen bei meinen Kollegen zunächst eher Sprachlosigkeit. Zuvor war die in diesem Rahmen gar nicht so oft stattfindende Besprechungsrunde über eine Stunde lang recht lebhaft verlaufen. Nur ich war eher still, rutsche während der Zeit allerdings immer unruhiger auf meinem Stuhl hin und her. Kein schönes Gefühl, so etwas erzählen zu müssen. Einen Moment wünsche ich mir, dass ich mir nicht vorgenommen hätte, es allen zu erzählen. Könnte ich nicht einfach auf die „stille Post“ vertrauen? Die würden doch wohl alles untereinander weiterplaudern. Aber, nein, Quatsch, das ist einfach nicht mein Weg.

Jetzt sind alle verstört. Da hilft auch nicht , dass ich alle noch zu einem kleinen Frühstück einlade, das nach meinem 25jährigen Dienstjubiläum sowieso anstand. Aber da „mir ja die Zeit davonläuft“ ist jetzt gleich der Beginn der nächsten Woche dafür veranschlagt.

Zugegeben, das war eine schwere Hürde! Ich war richtig aufgeregt. Sonst ist das in diesem Besprechungs-Rahmen nicht unbedingt so – und als ich zur Einleitung meiner Erklärung genau das sage, schauen alle erstmal komisch-amüsiert.

Aber danach bin ich unendlich erleichtert, dass „es raus ist“. Die Reaktionen der Kollegen waren mitfühlend – was auch nicht wirklich anders zu erwarten war. Trotzdem höre ich von ihnen keine Floskeln und es tut einfach gut. Es gibt auch viele Hilfsangebote und Verständnis, als ich meine derzeit zuweilen unkonzentrierte Arbeit hier anführe.

Klar werde ich versuchen, noch möglichst viel von meinem Wissen und Know-How weiter zu geben. Einiges davon ist derzeit noch recht exklusiv bei mir. Bereits gestern hatte ich eine präzise Handlungsanweisung für einen wichtigen, monatlichen Vorgang umfassend niedergeschrieben. Für unsere Qualitätssicherung am völlig neuen, sehr speziellen Computersystem brauchen wir solche Schriftstücke ja sowieso demnächst.

Mir ist also völlig klar, dass ich die Kollegen soviel und so lange unterstützen werde, wie es halt geht. Auch von Zuhause aus, wenn ich denn irgendwann in der Therapie bin. Ganz abgesehen davon weiß ich, dass es für mich selber besser ist, mich auch mal mit anderen Dingen zu beschäftigen, als nur mit „meinem Krebs“.

Okay, ich hätte es auch anders machen können! Ich hätte mich kürzlich schon krank schreiben lassen können und mir denken können, dass mir all die Dinge auf der Arbeit bei meiner wichtigen Erkrankung doch herzlich egal sein könnten. Aber so ticke ich eben einfach nicht! Und man muss sich selber gerade in einer solch schwierigen Situation auch treu bleiben! Im Falle einer derartig schwerwiegenden Erkrankung ist einem offenbar ohne viel Nachdenken völlig klar, wie man sich verhalten muss. Und das mag bei jedem anders sein – ich gehe hier mein persönlichen Weg, auf dem ich mir möglichst wenig Ballast aufhalsen werde. Und Ballast sind doch auch gerade unklare, unerledigte Dinge!

Abends dann treffe ich mich mit dem Freund, den es beruflich gerade für ein paar Tage nach Kiel verschlagen hat. Es tut einfach gut, ihn zu sehen und zu sprechen. Wobei ich es als wohltuend empfinde, dass wir nur recht wenig über meinen Krebs reden. Daran denke ich eh schon genügend. Und ist es nicht eigentlich viel interessanter, zu versuchen, sich den Film „Interstellar“ zu erklären? Na, jedenfalls die Physik in dem für mich doch weitgehend unverständlichen Film.

Und trotzdem: Es nagt an mir, dass ich über meine Erkrankung eigentlich nicht mehr weiß, als dass ich Krebs habe, der wohl im Lymphsystem steckt und recht gut behandelbar ist. Die richtige Bezeichnung konnte ich mir ja gar nicht merken. Eben drum weiß ich auch noch gar keine richtigen Details. Eigentlich doof! Viele Fragen kann ich gar nicht richtig beantworten.

Eher durch eine Randbemerkung bringt mein Freund mich auf die Idee, doch noch mal genauer zu schauen. Schließlich habe ich ja Überweisungszettel für andere Bereiche in der Uni-Klinik Eppendorf mitbekommen. Nachts wieder daheim angekommen finde ich auf denen einige Buchstaben-Kombinationen, Abkürzungen wohl: „n.m. NHL B-Zell“.

Als ich danach dann mal im Internet suche, wird mir ganz, ganz schnell alles klar. Warum bin ich nicht früher auf diese Idee gekommen, auf die Überweisungsscheine zu gucken? Ein wenig vernagelt bin ich derzeit wohl doch schon!

Jedenfalls erinnere ich nach dem „googeln“ sofort wieder, dass der Arzt am Freitag die auftauchenden Begriffe mehrfach erwähnt hatte, mir gegenüber und auch in seinen Telefonaten. Prompt finde ich auch eine Menge Informationen im Internet, die mich nicht unbedingt aufbauen. Mein Krebs ist nicht aggressiv – und eben weil er sehr langsam wächst, wird er mich nicht rasend schnell „dahinraffen“. Aber er ist auch schwierig „zu fassen zu kriegen“. Denn Chemotherapien stützen sich üblicherweise darauf, schnell sich vermehrende Zellen des Körpers zu zerstören. Diese habe ich zwar auch: Zum Beispiel beim Haarwuchs – aber eben nicht unbedingt bei den Krebszellen. Die wachsen langsam, vielleicht sogar sehr langsam (niedrig maligne). Sind eben drum schlecht zu therapieren… Auch blöd!

Es gibt in der Gruppe „meines Krebs“ aber noch zahlreiche unterschiedliche Möglichkeiten bzw. Varianten. So oder so, endlich weiß ich es – die erste Diagnose für mich lautet:

Ich habe ein „Niedrig-malignes Non-Hodgkin Lymphom der B-Zellreihe“.

 

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