TAG 6: Eine CT – Die Krebs-Diagnosen beginnen

Mittwoch, 3.12.2014

Ein kurzer, knapper Arbeitstag. Langsam gewöhne ich mich wieder an konzentriertes Arbeiten und bin nicht so „neben mir“. Oder „außer“ mir, wegen meiner neuen Krankheit, Krebs.

Aber heute steht der erste „größere“ Teil der Diagnostik an: Wo ist der Krebs denn schon überall in meinem Körper verteilt? Im Lymphsystem breitet der Krebs sich üblicherweise wohl zügig aus, lese ich im Internet.

Also geht es heute ab in die Röhre: Eine Computertomographie steht an. Da ja eh niemand so richtig weiß, was ein Computer überhaupt ist, und schon erst recht nicht, was eine Tomographie ist, nennt man das ganze im Volks- und Expertenmund knapp „CT“.

Vor ein paar Wochen, damals in einem ganz anderen Leben ohne Krebs, als sich noch ein HNO-Arzt um mich kümmerte, da wurde schon mal eine CT gemacht. Allerdings nur vom Kopf, genauer: Vom Oberkiefer an aufwärts. Man ist grundsätzlich eher sparsam mit solchen Untersuchungen, denn der Körper wird dabei in Scheiben zerlegt. Also, rein virtuell, versteht sich. Durch eine hohe Zahl an Röntgenaufnahmen in engem Abstand wird ein Bild quasi in Schichten von dem Körper aufgenommen. Da die „harte Röntgenstrahlung“ den Körper ja aber durchaus gefährdet, geht man mit diese Untersuchungen eher sparsam um.

Bei mir steht allerdings heute ein CT des gesamten Oberkörpers an: Von den Oberschenkeln bis zum Kopf. Genauer: Bis zum Oberkiefer. Den Rest darüber hat man ja schon.

Aber man will und muss halt genauer sehen, wo der Krebs genauer sitzt. Darum riskiert man die massive Strahlenbelastung für mich. Ein richtig entspanntes Gefühl habe ich dabei nicht.

Um 14 Uhr hat man mir den Termin verpasst, ich bekam da bei der Terminvergabe gar keine Mitsprachgelegenheit. Das bedeutet, dass ich um 13 Uhr meinen Arbeitsplatz verlassen muss. Eine leichte Ahnung bekomme ich, was bei den vielen noch anstehenden Untersuchungen passieren wird: Als erstes überhaupt wird der Krebs mein gut gefülltes Arbeitszeitkonto auffressen.

Etwas überpünktlich bin ich im UKE (also der Hamburger Uni-Klinik in Eppendorf), melde mich an und werde in den gut gefüllten Warteraum geschickt.

Dort warte ich. Und warte.

Und warte.

Um mich herum sind einige, ausnahmslos ältere Patienten mit den Nerven etwas zu Fuß unterwegs. Alle, die irgendwie nach Arzt oder Schwester aussehen, werden augenblicklich bestürmt, zuweilen angepöbelt. Man würde schon so und so lange hier warten, es sei eine Frechheit, was hier passiere – und so weiter. Das übliche – ähnliches kenne ich aus anderen Zusammenhängen.

Ein älterer Herr, der in Begleitung seiner Frau besonders penetrant pöbelt, wird von einer Ärztin irgendwann quasi vorgeführt: Er ruft bei jeder Gelegenheit für alle hörbar, er würde schon seit 10 Uhr hier hingehalten werden und warten! Schlimm, denke ich – das kann ja noch lustig werden hier! Die Ärztin jedoch fragt lässig nach dem Namen, bittet um einen Moment Geduld, kommt kurz danach wieder mit der für alle hörbaren Information, dass er sich um exakt Viertel vor Zwei Uhr angemeldet hätte (also wenige Minuten vor mir) und nicht um zehn Uhr, was denn los sei? Bei Krankenhäusern mit Notfallaufnahmen käme es leider manchmal zu Verzögerungen und das bedaure sie… Er drukst, plötzlich kaum noch hörbar, ein wenig herum, ja, ja, er sei ja noch auf einer anderen Station gewesen, aber im Prinzip seit zehn im Krankenhaus.

Leute gibt’s – denke ich bei mir und schüttele innerlich den Kopf. Die hässliche, gereizte Stimmung ist danach zwar trotzdem noch greifbar, aber niemand begehrt mehr so richtig auf. Eigentlich will ich hier nur in Ruhe etwas warten, wenn es denn schon sein muss, und habe gar keine Lust auf Nervereien. Immerhin hat man hier ausgezeichnete Zeitschriften und ich beschäftige mich erfreut mit einem Heft über Bergsteigen. Bergsteigen ist zwar nicht mein Ding, aber Wandern in den Bergen liebe ich seit ein paar Jahren sehr!

Kurz danach werde ich aufgerufen, muss die tolle Zeitschrift beiseite legen.

Aber, nein – das CT selber wird noch nicht gemacht. Erstmal gibt es eine vorgeschriebene Belehrung über mögliche Folgen und Nebenwirkung von CT und Kontrastmittel. Der junge Arzt wirft mir wortlos lächelnd einen freundlichen Blick zu, als ich nach der Begrüßung etwas mitleidig meine, dass es „da draußen“ ja eine tolle Stimmung sei – ob das wohl immer so sei? Dann muss ich mein Einverständnis für die Untersuchung unterschreiben, es wird mir eine Braunüle in der Armbeuge gelegt – für das Kontrastmittel. Dann geht es erstmal zurück in den Wartebereich. Meine schöne Bergsteiger-Zeitschrift ist in den vergangenen zehn Minuten unangetastet geblieben.

Nach einer weiteren knappen halben Stunde geht es dann in „die Röhre“ – dachte ich. Aber die „Röhre“ für das CT ist auch hier gar keine Röhre, sondern ein großer Ring. Auf einer Liege liegend wird man durch diesen Ring hin- und hergefahren. Eine mechanische Computerstimme fordert zuweilen zum „einatmen, ausatmen, einatmen und Luft anhalten“ auf, man fährt nochmal durch den Ring und darf dann „normal weiteratmen“.

Die mich betreuende Schwester kündigt über Mikrofon an, dass nun das Kontrastmittel käme. Das spüre ich auch sofort, binnen Sekunden wird mir warm, sehr warm. Mein erster und einziger Gedanke: So müssen Hitzewallungen in den Wechseljahren bei Frauen sein! Genau so! Jetzt weiß ich, was Hitzewallungen sind! Ich fahre auf der Liege noch einmal durch den Ring. Nach zwei bis drei Minuten ist meine Hitzewallung bei mir jedoch schon wieder vorbei und alles ist normal.

Auch die Untersuchung ist danach vorbei, knapp zehn Minuten dauert die Prozedur selber. Die Braunüle wird wieder entfernt – und schön fest in die Armbeuge drücken, bitte. Da ich gewillt bin, meine Untersuchungsergebnisse zu sammeln, frage ich nach einer CD mit den Bildern. Ja, das könne man vorbereiten. Das müsse ich auch noch vorne neben dem Wartezimmer anmelden – und dann noch mal etwas warten, bis sie fertig sei.

Die meckernden Alten sind mittlerweile weg aus dem Wartebereich, es herrscht angenehme Ruhe. Ich lese noch ein wenig und drücke ein paar Minuten noch in meine Armbeuge. Nach weiteren zwanzig Minuten habe ich meine CD mit den Aufnahmen meines Innersten – und verlasse das Krankenhaus.

So also versucht man, dem Feind in meinem Körper nahe zu kommen, ihn aufzuspüren. Aber das ist sicherlich erst der Anfang der Suche.

Am Abend dann ein schon seit längerer Zeit verabredetes Treffen mit einem nahestehenden Freund. Er hatte mir zum zurückliegenden Geburtstag einen Theaterabend geschenkt, der heute stattfindet: Im Deutschen Schauspielhaus sehen wir „John Gabriel Borkman“ von Hendrik Ibsen. Ein Drama.

Als wir uns eine Stunde zuvor treffen, drängt es mich eigentlich sehr, ihm die schlechten Nachrichten zu erzählen. Und doch: Ich hatte mir ganz pragmatisch vorgenommen, vor dem Stück nix zu erzählen – schon allein in der Sorge, dass er sagen würde: Scheiss auf das Theaterstück, es ist mir jetzt wichtiger, zu hören, was los ist!

Aber ich will doch ins Theater! Ich bestehe ja schließlich nicht nur aus Krebs! Und mittlerweile habe ich bemerkt, dass meine Gedanken nicht immer nur um meine Erkrankung kreisen müssen, ich mich durchaus auf andere Dinge einlassen kann.

Aber doch: Während des Theaterstücks schweifen meine Gedanken häufig ab – vor allen das bevorstehende Gespräch beschäftigt mich. Es ist nicht leicht, dieses nahestehenden Personen einigermaßen schonend zu erzählen – denn auch für die ist es immer wieder ein Schock.

Allerdings nimmt auch das sich zuspitzende Drama auf der Bühne seinen Lauf – und  mich in seinen Bann. Starke Bilder werden erzeugt! Aber ich denke zuweilen auch für mich: Eigentlich habe ich selber doch momentan Drama genug!

Und nach dem Stück geht es dann ja auch dramatisch weiter: Ein wenig reden wir noch über das Theaterdrama – aber dann muss mein persönliches Drama, meine Krebserkrankung, raus.

Zu meiner völligen Verblüffung erklärt mir mein Freund, dass er sich das schon gedacht habe, als ich von bevorstehende, kleinen OP berichtet hatte. Ich bin verblüfft: Eigentlich gab es weit und breit keinen Grund, bei einer Verstopfung der Kieferhöhle an Krebs zu denken! Bei meiner ersten Kieferhöhlen-OP vor zehn Jahren war davon auch keine Rede. Die Annahme hat wohl auch ein wenig mit Pessimismus zu tun.

Es braucht eine ganze Weile, bis die Wucht der Nachricht auch ihn emotional voll erwischt, Tränen fließen, aber es gibt auch wieder viel Zuspruch und Hilfsangebote. Letzteres versuche ich auch gleich ganz konkret zu machen: Irgendwann wird es ja einen Therapieplan geben und dann auch ein Gespräch mit den beteiligten Ärzten dazu. Es macht Sinn, zu einem solchen Gespräch in der Klinik mit jemandem Vertrauten zu erscheinen. Wenn es irgendwie einzurichten ist, wird er mich dorthin begleiten. Das zu wissen tut mir enorm gut! Ich bin nicht allein im Kampf gegen den Feind in meinem Körper.

Die Erkenntnisse bisher: Reden tut gut! Wissen tut gut! Beistand tut gut!

 

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