TAGE 23-30: Weihnachten: Früher war mehr Lametta!

Samstag 20.12.2014 – Sonntag 28.12.2014

Weihnachten – ein Fest der Ruhe, der Familie, des Müßiggangs. In diesem Jahr noch deutlich bewusster wahrgenommen, als in anderen Jahren. Musste ich mir doch nach meiner Krebsdiagnose eine Zeitlang Sorgen machen, dass dies womöglich mein letztes Weihnachten sein könnte, so ist dies allerdings inzwischen nicht unbedingt wahrscheinlich.

Trotzdem ein besonderes Weihnachten! Ich bemühe mich, alles ein wenig wie „in alten Zeiten“ zu gestalten, auch, wenn der Bedarf hieran bei meiner Tochter eher gering ist. Ein wenig Melancholie schwingt aber schon mit. Früher war zum einen mehr Lametta, aber zum anderen war ich auch irgendwie unbelasteter.

Am Montag und am Dienstag stehen noch normale Arbeitstage an, aber auch die vergehen ohne besondere Hektik. Irgendwie fühlt sich alles „normal“ an.

Dieses Gefühl hat bei mir rasant zugenommen, seit mir vor einigen Tagen der Onkologe im UKE mitgeteilt hat, dass die Wahrscheinlichkeit hoch sei, an einem lokal begrenzten Plasmozytom erkrankt zu sein. Irgendwie habe ich seitdem das Gefühl, an einem „Krebs zweiter Klasse“ erkrankt zu sein: Die Bedrohung ist nicht akut, erscheint mir eher abstrakt, es gibt keine Dramatik mehr, ich habe nach wie vor keine Beschwerden.

Aber, um ganz ehrlich zu sein: Ich habe auch keinen Bedarf, einen „Krebs erster Klasse“ zu haben – also vielleicht im fortgeschrittenen Stadium, mit akuter Lebensgefahr, unheilbar oder was auch immer… Aber ich habe mittlerweile eine Ahnung davon, wie solche Diagnosen auf einen wirken, wie das eigene Leben hierdurch aufgemischt wird.

Selbst mit meiner eher glimpflichen Diagnose hat sich mein Leben eine ganze Zeit lang auf den Kopf gestellt. Inzwischen jedoch bewegt sich mein Leben wieder auf einigermaßen geraden Gleisen. Irgendwo auf dem Weg hat es zwar eine Weiche gegeben, die Richtung ist geringfügig anders, aber ich bin mittlerweile wieder auf ruhiger Fahrt.

In mancherlei Hinsicht habe ich durch die Diagnose Krebs sogar einen Zugewinn erfahren. Insbesondere durch die Reaktionen in meinem ganzen Umfeld erfahre ich ein Maß an Nähe, die zuvor an einigen Stellen ein wenig eingeschlummert war. Allein die Zahl an persönlichen Kontakten hat deutlich zugenommen. Sowohl dadurch, dass ich dies suche, aber auch dadurch, dass viele Freunde mir beistehen und sich einfach erkundigen, wie es mir geht. Zweifellos ein Gewinn – durch die Krebs-Erkrankung. Auch komisch!

Die ersten zwei bis drei Wochen nach der Diagnose war in meinem Leben eine ungeheure Intensität eingezogen – diese ist inzwischen wieder auf ein geringeres, „normaleres Maß“ zurückgegangen. Nach der Diagnose erschien mir ja nahezu jeder Atemzug als etwas besonderes, bedenkenswertes, schönes. Selbst ein auf dem Sofa-sitzen und aus dem Fenster schauen war extrem intensiv – denn ständig waren besondere, oft existenzielle Gedanken dabei. Allein das reichte, um eine hohe Intensität wahrzunehmen.

Mittlerweile sind viele Dinge eben wieder „normaler“. Diese extreme Lebensintensität, sie hat sich etwas zurechtgerückt, aber sie ist keinesfalls ganz verschwunden.

Was ich jedoch während dieser Weihnachtstage merke: Diese Intensität ist zwar einerseits bereichernd, aber sie kostet auch enorme Kraft. Obwohl ich körperlich in den letzten Wochen recht wenig Anstrengungen auszustehen hatte, fühle ich mich insgesamt sehr erschöpft. Geradezu ausgelaugt bin ich.

Das ist ja vielleicht kein Wunder: Bei dem vielen Hin und Her zwischen Arztterminen im Krankenhaus und der Arbeit, bei der emotionalen Achterbahnfahrt zwischen „sich Wohlfühlen“ und Verzweiflung, bei der teilweisen enormen Anspannung speziell bei den Arztterminen. Eigentlich kein Wunder, dass dabei eine Ermüdung einzieht.

Dementsprechend verbringe ich über die Weihnachtstage auch mit viel Schlaf. Abends gehe ich deutlich früher ins Bett, als ich sonst gewohnt bin. Morgens dann komme ich erst Stunden später aus der „Falle“, als an normalen Tagen. Aber das macht ja nichts. Es sind einfach entspannte Weihnachtstage.

Da sich dies im Laufe der Tage kaum ändert, bekomme ich das Gefühl, dass Krebs eigentlich in die Rubrik „Schlafkrankheit“ gehört. Am Liebsten würde ich derzeit ganze Tage verschlafen.

Die gute Seite daran: Ich kann überhaupt schlafen! Die ersten beiden Nächte war dies kaum möglich, dann gab es eine ziemlich lange Zeit, in der ich gut einschlafen konnte, aber mit einer ziemlichen Anspannung im Körper oftmals deutlich vor dem Weckerklingeln wieder aufgewacht bin – und dann auch richtig wach war.

Das ist nun vorbei. Ich schlafe richtig gut ein – und dann schlafe ich lange. Übersetzt heißt das: Ich habe mich gewöhnt an die Situation! Es ist Normalität geworden, mein Krebs ist in einigen Wochen Teil meines gewöhnlichen Lebens geworden. Er raubt mir keinen Schlaf mehr. Er gehört zu mir.

Noch! Bald jedoch wird es ihm an den Kragen gehen. Schließlich ist und bleibt er der Feind in meinem Körper! Der Abschied von diesem Teil meines Lebens wird mir nicht gerade schwer fallen – nur im Moment gehört er halt zu mir. Aber er soll weg! Alles muss raus!

Besonders genieße ich, dass ich in all dieser Zeit keinen Arzttermin habe! Das ist in den letzten Monaten schon sehr ungewöhnlich geworden. Um so schöner, Weihnachten nun ohne solche Termine, die dann doch oft an den Nerven zerren oder durch ewige Wartezeiten zermürben, genießen zu können. Und doch:

Je näher der nächste Arzt-Termin am 29.12. jedoch kommt, um so gespannter bin ich. Es geht zum ersten Mal in die Strahlentherapie, wohl erstmal für eine Vorbesprechung. Dort werde ich sicherlich ein paar Ergebnisse der Knochenmarkpunktion erfahren. Und sicherlich wird auch ein Zeitplan erstellt, ab wann es „ihm“ an der Kragen gehen wird. Vielleicht sollte ich „ihm“ einen Namen geben?

Vielleicht „Baby Blue“? Dann könnte ich irgendwann singen „It’s all over now, Baby Blue“. Aber vielleicht fallen mir ja noch bessere Namen ein…

2 Gedanken zu „TAGE 23-30: Weihnachten: Früher war mehr Lametta!

  1. Annika

    Guten abend,
    Ich habe durch zufall deinen blog gefunden. Ich wünsche dir alles, alles gute für das neue jahr. Auf das der feind in deinem körper vernichtet wird!

    Liebe grüße aus der nähe von hamburg,
    Annika

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    1. dirk@mein-krebs-und-ich.de Beitragsautor

      Liebe Annika,
      vielen Dank für die Wünsche. Gerne erwidere ich die Guten Wünsche für das Jahr 2015 an Dich – und überhaupt an alle 🙂 Tatsächlich wird es dem Feind in meinem Körper in Bälde an den Kragen gehen. Und eine gewisse Hoffnung, dass ihm der Garaus gemacht wird, besteht ja…

      Viele Grüße zurück
      Dirk

      Antworten

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