TAG 94: Oh weh – Verwaltung und Formalismus

Mittwoch, 4.3.2015

Als ich am Dienstag den Brief vom UKE aus dem Briefkasten angele, freue ich mich zunächst. Siehe da, denke ich: Man hat zugesagt, mir eine Kopie des Abschlussberichtes zu übersenden, sobald der fertig sei. Dies wird er denn ja sein. Denke ich mir.

Mitnichten! Mein Gesicht hätte ich sehen mögen, als ich den Brief gelesen habe. In ziemlich forschen, fast aggressiven Ton werde ich in großen Lettern darauf hingewiesen, dass ich für meine Behandlung keine Überweisung abgegeben hätte. Wenn man diese nicht in wenigen Tagen vorliegen hätte, dann müsste man mir die Strahlentherapie privat in Rechnung stellen. Vier Tage gibt man mir Zeit, die Überweisung vorzulegen. Den eigenen Brief hat man sinnigerweise gleich Zehn Tage zurückdatiert. Ja, wieso denn nur?

Irritation beschreibt milde mein Gefühl. Einen Moment muss ich mich sammeln und kurz nachdenken: Moment mal! Sicher bin ich mir, dass ich um die Jahreswende binnen 14 Tagen zweimal bei meiner Hausarztpraxis war, um mir Überweisungen für die jeweiligen Quartale bei der Strahlentherapie zu holen. War beide Male kein Problem – ich habe also nicht den leisesten Zweifel, die Überweisungen abgeholt zu haben. Das Abholen des Überweisungsscheins exakt am 8.1. hatte ich hier im Blog sogar übertrieben umfassend dargestellt – wo ich völlig pudelnass vor der Sprechstundenhilfe beim Hausarzt stand und eben drum darauf verzichtete, den Arzt noch sprechen zu wollen.

Auch kann ich mich exakt an die Situation erinnern, als ich den Überweisungsschein bei der Anmeldung der Strahlentherapie abgegeben hatte – dort hatte man mir nämlich im Gegenzug einen ganzen Schwung an Kopien und Ausdrucken mit Befunden und Berichten in die Hand gedrückt. Auch hatte ich ein paarmal meine Krankenakte in der Hand gehabt und den Überweisungsschein dort in einer Schutzhülle gesehen.

Da ist also irgendwas schief gelaufen in der Verwaltung des UKE. Solche Verwaltungspannen kenne ich ja zur Genüge von meiner Arbeit. Wie kommt es nur, dass es in Verwaltungen immer wieder zu solchen Pannen kommt? Ich erwarte bei Verwaltungshandeln schon kaum noch anderes mehr, als dass Fehler produziert werden. Wie wäre es wohl, wenn ich auf meinem Job andauernd solche Pannen produzieren würde – wo doch das Ergebnis unserer Arbeit (kontinuierliche Messungen der Luftqualität) jede Stunde neu in der Öffentlichkeit steht?

Aber nun gut: Alles Lamentieren wird mir nicht helfen. Irgendjemand hat da beim UKE geschlampt und nun ist es mein Part, mich dafür zunächst einerseits schriftlich anpissen zu lassen und es andererseits wieder gerade zu ziehen. Aber ich werde wohl einen neuen Überweisungsschein benötigen.

Also, ab zum Hausarzt, ohne lange zu zögern. Bevor ich anfange mich zu ärgern. Es regnet zwar gerade, aber den Kilometer auf dem Rad werde ich schon weitgehend schadlos überstehen.

Die Praxis meines Hausarztes ist eine Gemeinschaftspraxis. „Mein“ Arzt ist ein friedlicher, gelassener Typ, der sich immer erstmal in Ruhe anhört, abwägt und dabei eine Neigung zu Naturheilverfahren hat. Manchmal etwas zu sehr in Ruhe, vielleicht. Aber, nun gut: Eher mein Temperament, also.

Bei seinem Kollegen bin ich hin und wieder auch schon mal gelandet – ein total anderer Typ. Forsch, fast schon rumpelig, herrisch – ein ziemlich knallharter Typ, der auch gerne mal einen großen Auftritt im Wartebereich hat. Als vor einigen Jahren meine Leberwerte auffällig waren, meinte er, verblüffend viel Geld von mir für die notwendigen Blutuntersuchungen fordern zu müssen. Und überhaupt: Helfen würde mir bei meinen Werten sowieso allein nur ein Fitnessstudio. Mindestens dreimal die Woche für je mindestens zwei Stunden, volles Programm. Und mein Fahrradfahren sei eh Quatsch und sinnlos für die Gesundheit. Kurz: Ich meide den Arzt. Er hilt mir nicht.

Also bin ich wenig begeistert, als ich sehe: Er wirbelt gerade durch den Wartebereich, als ich jetzt komme für die Überweisung. Denke mir aber weiter nix dabei.

Als ich nach einem Moment Warten bei der Sprechstundenhilfe mein Anliegen nach einem neuen Überweisungsschein an die Strahlentherapie vorbringe, da das UKE den letzten offenbar verbaselt habe, mischt er sich allerdings sofort ein. Nein, das sei völlig ausgeschlossen! Das sei hier eine Praxis für Allgemeinmedizin – und er könne es nicht verantworten, mich an die Strahlentherapie zu überweisen.

Schon wieder gucke ich irritiert. Aber vor sechs Wochen hätte ich hier doch eine erhalten. Und die Therapie sei ja schon abgeschlossen. Es wird kurz in den Computer geschaut – nein, hier wurde Anfang Januar keine Überweisung an mich ausgestellt, nur Ende Dezember. Aber das sei eh eine Panne gewesen. Anfang Januar sei da nix!

Eine Zehntelsekunde zweifle ich tatsächlich an mir selber – aber natürlich weiß ich, das es völliger Quatsch ist, was der mir gerade erzählt. Klar habe ich hier am 8.1. eine Überweisung erhalten! Was denn los sei?

Ein wortreiches Lamento prasselt auf mich herab. Über seine schwere Verantwortung und den Druck durch die Krankenkassen und und und. Er empfiehlt mir, zu meinem niedergelassenen Onkologen zu gehen. Habe ich noch nicht, ich werde im UKE weiter behandelt – ob er mir wirklich empfehlen will, jetzt einen neuen Arzt zu suchen, nur damit ich eine Überweisung für eine schon abgeschlossene Behandlung bekomme. Ja, klar, das müsse so sein.

In der Tat: Er ist nicht hilfreich. Wahrscheinlich hat er mit seinen Argumenten sachlich Recht, wenn man aufs Prinzip schaut. Aber in seiner Art ist er auch ein sonderbares Trampel. Ob ich mit meinem Arzt nochmal darüber sprechen könne? Ja – da müsse ich aber noch warten.

Also sitze ich eine ganze Weile im Wartebereich – schließlich bin ich ja auch unangemeldet hier. Den nächsten Patientenwechsel nutzt der laute Arzt, um im Sprechzimmer von „meinem“ Arzt zu verschwinden. Sicherlich wird der jetzt eingewiesen.

So ist es dann auch, stelle ich fest, als ich dann bei ihm im Sprechzimmer bin. Nun bekomme ich nochmal den weitgehend gleichen Text zu hören – allerdings die freundliche und nicht die forsche Variante. Einen Überweisungsschein drückt er mir trotzdem in die Hand. Und gibt mir die Empfehlung mit, mir einen niedergelassenen Onkologen zu suchen.

Eigentlich wolle man mich im UKE weiter behandeln und unter die Fittiche nehmen – schließlich bin ich mit meiner Erkrankung ein seltenes Exemplar. Wer hat schon einen Patienten mit einem solitären Plasmozytom?

Aber: Welch ein Aufwand für eine Überweisung! Bisher war mir in diesem Leben gar nicht klar, was für eine schwerwiegende Verwaltungsaktion dies ist! Ich bin doch einfach nach wie vor noch ein naiver Depp!

Und irgendwie fühle ich mich abgefertigt und zurechtgewiesen von den Ärzten. Ätzend! Gedauert hat das ganze auch so lange, dass ich meinen Gedanken, noch direkt ins UKE zu fahren, um den Zettel dort abzuliefern – aber das ist jetzt etwas spät. Ich weiss ja, wann man dort die Anmeldung dicht macht. Außerdem schüttet es mittlerweile wie aus Kübeln. Also fix nach Hause.

Dort suche ich dann im Internet einen niedergelassenen Onkologen – auf solch ein Theater habe ich zukünftig keine Lust mehr. Für einen Onkologen hatte ich aus dem Freundeskreis eine konkrete Empfehlung, und wie praktisch: Die Praxis ist gerade erst aus der Innenstadt in meinen Stadtteil gezogen! Erreichen tue ich dort heute aber niemanden mehr…

Tags darauf, am Mittwoch, bin ich dann also mal wieder bei „meiner“ Strahlentherapie, werde ein wenig komisch angeguckt, als ich der Dame an der Anmeldung meinen Überweisungsschein in die Hand drücke. Wissentlich verdrehe ich ihr gegenüber die Tatsache, dass man in dem Brief des UKE mich beschuldigt, in die Wahrheit – und sage ihr, dass man mich informiert habe, dass mein Überweisungsschein verloren worden sei. Ob sie diesen dann bitte entsprechend weiterleiten könne? Ja, sie wolle sich drum kümmern, meint sie etwas verblüfft.

Als ich wieder nach Hause radele, ärgere ich mich ein wenig, dass ich mir nicht den Empfang des Überweisungsschein auf dem Anschreiben des UKE bestätigen lassen habe. Da bleibt mir ja nur, zu hoffen, dass jetzt alles gut geht. Sonst wird wohl in Kürze eine Rechnung über zigtausende Euros bei mir eintrudeln.

Klar – das ist alles kein Drama an sich und dieser vielen Worte eigentlich gar nicht würdig. Die Welt wird von solchen Pannen schon nicht untergehen.

Aber doch ist es so, dass mich solches Hin und Her mittlerweile nervt. Kann nicht einfach mal irgendetwas „einfach so“ funktionieren? Ganz ehrlich: Ich bin kein Verwaltungs- und Vorschriften-Fan!

Ein wenig später mache ich dann meinen Starttermin bei einem niedergelassenen Onkologen. Das wird erst im April stattfinden, jetzt seien Ferien und die Ärzte seien ja eher jung. Ich vermeide, der Dame am Telefon zu erzählen, dass ich eigentlich gar nicht so richtig weiß, was ich dort soll. Eigentlich will der Onkologe mich Rarität im UKE doch weiter betreuen und die anstehenden Schritte sind alle schon klar und festgelegt. Aber für die eine oder andere Überweisung, womöglich mal eine Krankschreibung, brauche ich wohl doch einen Onkologen. Das erkläre der Sprechstundenhilfe aber besser nicht… Etwas vorsichtig schiebe ich noch die Frage nach, ob ich denn wohl eine Überweisung zu ihnen bräuchte? Nein, das sei nicht nötig. Ich spüre Erleichterung.

Ansonsten jedoch bessert sich mein allgemeiner Zustand zuletzt spürbar!

Mein Schlafbedürfnis ist nicht mehr ganz so vorherrschend, ich brauche kaum noch den zuvor schon fast zum Standard gewordenen Nachmittagsschlaf. Die Rötung der Haut geht langsam, ganz langsam zurück. Eincremen ist trotzdem noch gefragt. Die Reizung des Auges wird weniger. Allein die inneren Wunden der Nase scheinen, allen Bemühungen zum Trotz, noch unverändert – morgens beim Schnäuzen sehe ich viel Blut. Aber die Zeit wird auch diese Wunden heilen.

Was ich jedoch besonders schätze: Es ist in Großen und Ganzen Ruhe eingekehrt!

Sowohl, was Termine und Aktivitäten angeht. Aber vor allem auch seelisch entspanne ich mich. Irgendwie ist derzeit das Meiste geregelt (wegen der Anschlussheilbehandlung gibt es noch ein paar Unklarheiten – aber auch nichts wirklich Großes). Auch das Gefühl, eine wirklich schlimme Erkrankung zu haben, ist abgeklungen. Eigentlich ist doch alles gut. Der Krebs ist weg!

Oder?

Natürlich weiß ich genau, dass dies keinesfalls sicher ist. Nach allem , was ich aus fundierten Informationsquellen weiß, ist klar: Die Wahrscheinlichkeit, dass mein Plasmozytom irgendwann, irgendwo in irgendeiner Form wieder auftaucht, ist um einiges größer, als dass es tatsächlich endgültig weg ist.

Aber ich sollte es vermeiden, mich hiermit allzu viel zu beschäftigen. Es hilft nichts, sich darüber Gedanken zu machen. Die Zeit wird zeigen, was passiert.

Allein: Ich kriege es nicht richtig aus dem Kopf. Der Krebs hat sich in meinen Gedanken festgefressen. Und ich kenne mich lange und gut genug, um zu wissen: Es wird Zeit brauchen, bis er mich dort loslässt.

Hoffentlich lässt er mir diese Zeit!

 

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