TAG 111: Reha – es geht deutlich bergauf!

Samstag, 21.3.2015

Hatte ich wirklich gezögert bei dem Gedanken, ob eine Reha nach Ende der Krebsbehandlung wohl nötig sei? War es wirklich eine Frage gewesen, ob ich dies denn wirklich will? Eigentlich doch gar nicht so richtig nötig, schließlich hätte ich ja „nur“ eine Bestrahlungsbehandlung über sechs Wochen, mehr nicht – war ein Gedanke von mir, als mir im UKE angeboten wurde, über eine Anschlussheilbehandlung nachzudenken.

Was für absurde Gedanken!

Eine Anschlussheilbehandlung – AHB – ist im Prinzip eine gewöhnliche Rehabilitationsmaßnahme, eine „Kur“, die binnen fünf Wochen nach Abschluss einer Therapiemaßnahme angetreten wird. Und schon jetzt, wo gerade mal ein paar Tage von dieser Anschlussheilbehandlung rum sind, ist mir völlig klar: Das ist nötig! Bitter nötig! Ich brauche diese Zeit, um wieder zu mir, zu Kräften zu kommen, die Füße wieder auf die Erde zu kriegen, frischen Wind durch den Kopf blasen zu lassen.

Klink Nordfriesland

Die Klinik Nordfriesland in Sankt Peter Ording

Da bin ich jetzt also seit ein paar Tagen in der Nordseeklinik in St. Peter Ording an der Nordsee und freue mich einfach.

Ich freue mich, dass es mir hier so schnell so viel besser geht. Dass ich hier auf eine sensationell freundliche Atmosphäre treffe, bei dem gesamten Personal und auch bei den anderen Raha-Patienten. Ich freue mich, dass ich hier wieder aktiviert werde und mich selber in Schwung bringe. Ich freue mich, am Meer zu sein (auch, wenn man in St. Peter Ording verdammt lange Wege zurücklegen muss, um es überhaupt zu sehen). Ich freue mich, dass mein Leben nicht nur weiter geht, sondern irgendwie auch neu beginnt.

Sankt Peter Ording - Pfahlbau

St. Peter Ording – Abendstimmung an einem der charakteristischen Pfahlbauten an der Nordsee.

Dabei weiss ich noch nicht einmal, ob meine Krebserkrankung wirklich „weg“ ist – es wird ja erst ab Ende Mai angefangen, nach Resten meines Plasmozytoms zu suchen.

Aber das spielt hier und jetzt keine große Rolle.

Hier in der Klinik wird vor allem Onkologische Rehabilitation betrieben – übersetzt heißt das: Hier sind knapp 200 Menschen zusammen, die fast alle Krebs hatten. Die unterschiedlichsten Tumore und Erfahrungen treffen hier aufeinander. Die Patienten sind alle mehr oder minder stark mitgenommen, haben lange und zahlreiche Behandlungen hinter sich – oder auch nur einen Eingriff vor drei Wochen.

Aber allen, allen gemeinsam ist diese Erfahrung, die man anderen gar nicht so richtig vermitteln kann. Nämlich: Was mit einem passiert, wenn man diesen Satz zu hören bekommt: „Sie haben Krebs“. Und schon allein dieses gemeinsame Erleben, das doch jeder der hier anwesenden alleine für sich hatte, verbindet. Irgendwie.

Vieles ist hier im Haus einfach unkompliziert. So sind zum Beispiel die Mützen fast komplett verschwunden.

Soll sagen: In jeder Woche kommen 60 bis 70 neue Patienten hier ins Haus. Vor allem am Dienstag und Mittwoch, auch am Donnerstag. Gut kann ich mich erinnern, dass bei den ersten Essenszeiten nach diesem Wechselturnus noch dutzende von Patienten mit Mützen und Kopftüchern zum Essen kamen – jetzt, am Samstag, ist dies nicht mal mehr eine Handvoll. Soll sagen: Dinge, die man sich „draußen“ angewöhnt hat, sind hier leicht überflüssig, völlige Normalität. Raspelkurze Haare oder Glatzen sind hier ganz normal, bei Männlein wie Weiblein. Es gibt hier keinen Grund, irgendetwas zu verbergen. Alle hier haben ihre Päckchen zu tragen. Es ist einfach alles gut. Man kann sich entspannen, muss sich nicht mit gesunden Personen messen.

Bei den Essen kommen ja immer alle zusammen. Und wahrscheinlich ist die Grundstimmung dabei durchaus anders, als Außenstehende es sich vorstellen würden. Sicherlich – es gibt viele ernste Gesichter. Aber man hört auch viel Gelächter und lockeres Gerede um einen herum. Eigentlich ist alles ganz normal.

Und auch bei den Anwendungen, die nach einer ärztlichen Untersuchung verordnet werden, geht es entspannt zu – was keinesfalls bedeuten soll, dass diese auf die leichte Schulter genommen werden. Aber es gibt eine lockere Atmosphäre.

So eine Zeit in einer Reha bietet die großartige Möglichkeit, einmal ganz viel für sich selber zu tun. Habe ich das Gefühl, dass sich während der Krebserkrankung körperliche Defizite eingeschlichen haben, dass ich schlapp, müüde und träge geworden bin, dann lasse ich mir eben diverse Trainings verschreiben. Vom „medizischen Gehen“ bis zur „Muckibude“ – bei mir ist dies ein umfassender Punkt. Und das Angebot in diese Richtung ist gewaltig und ausgewogen.

Man ist unkonzentriert geworden? Dann macht man eben ein „Hirnleistungstraining“. Bei psychischen Problemen hat man bei der Reha einen ganz, ganz kurzen Weg zur Psycho-Onkologin. Unterstützung bei Ernährungsfragen nötig? Wird alles im Haus angeboten.

Bei mir hatten sich in den letzten Wochen Schmerzen in der Hüfte eingestellt, nicht richtig zuzuordnen, mal mehr, mal weniger, aber nicht zu ignorieren. Das hat zwar gar nichts mit der Krebsbehandlung direkt zu tun, aber die Schmerzen sind eben da. Wenn man das dem behandelnden Arzt erzählt, dann liegt man zwei Tage später beim Physiotherapeuten auf der Liege. Und verblüffend schnell werden die Beschwerden besser, wenn auch noch nicht ganz gut. Wer weiss, wie lange ich ansonsten darauf hätte warten müssen?

Wie unkompliziert ist das bei einer Reha! Das kann man „draußen“ in der Geschwindigkeit völlig vergessen. Was für eine Gelegenheit, was für eine Chance, sich mal richtig „auf Vordermann“ zu bringen.

Darüber hinaus gibt es jede Menge Informationen und Unterstützung zu den Erkrankungen, zu sozialen und arbeitsrechtlichen Situationen.

Ziel der gesamten Massnahme: Fit für den Alltag zu machen. Wie immer dieser auch aussehen mag.

Zwar ist man hier eigentlich im allgemeinen, einschließlich der Essenszeiten, von morgens um sieben bis abends um sieben verplant. Und doch bleibt noch genügend Zeit für ein wenig Müßiggang, oder auch dafür, die Gegend kennen zu lernen.

Als extrem parktisch dafür hat sich erwiesen, dass ich – natürlich! – mein Fahrrad mitgebracht habe zur Reha. Klar, schließlich empfinde ich mich nur als halber Mensch, wenn ich nicht zwei Räder unter dem Hintern habe. Und das war in den letzten Wochen deutlich seltener der Fall, als üblich.

Tümlauer Bucht

Blick über die Tümlauer Bucht nördlich von St. Peter Ording. Am Horizont zeichnet sich deutlich der „Leuchtturm aller Leuchtürme“ ab: Der Leuchturm Westerheversand.

Die Gegend eignet sich perfekt zum Fahrradfahren, wenn man denn ein wenig gegenwindresistent ist. Bei einer dreistündigen Tour geriet ich etwas nördlich von St. Peter Ording in die Region der Tümlauer Bucht – und war begeistert von der Schönheit der Gegend! Wow! Etwas mehr Ehrfurcht vor der Natur, ein bewußteres Wahrnehmen schöner Momente – auch das kann eine Folge einer Krebserkrankung sein. Ich werde hier weiterradeln, wenn das Wetter auch nur eingiermaßen mitspielt.

Insgesamt bleibt nach einigen Tagen Reha die klare Enkenntnis: In St. Peter Ording geht es bergauf mit mir. In vielerlei Hinsicht! Wie toll!

Und: Daran, dass es mir hier so schnell und so deutlich deutlich besser geht geht als zuvor, erkenne ich selber erst so richtig, wie schlecht es mir denn zuletzt tatsächlich ging, körperlich als auch seelisch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.