TAG 125: Reha – Glückseligkeit beim Radeln

Samstag, 4.4.2015

Das Glück dieser Erde liegt – auf dem Rücken der Pferde. Für einige jedenfalls. Für mich nicht!

Mein Glück finde ich sehr leicht aber auch auf einem Sattel. Jedoch eher auf einem Fahrrad-Sattel. Wie heute. An diesem Samstag.

Nur zwei kurze Anwendungen hatte es an diesem Morgen bei meiner Reha in St. Peter Ording für mich gegeben. Hinzu kam eine familiäre Einladung, nachmittags um 15 Uhr, in der Nähe meines Geburts-, Kindheits- und Jugendortes Heide, in Dithmarschen. Rund 40 Fahrrad-Kilometer von St. Peter Ording entfernt.

In den vergangenen gut zwei Wochen hatte ich einen ungeheuren Aufschwung erlebt! Durch ein gut ausgewogenes Sportprogramm geht es mir körperlich deutlich besser, fast bekomme ich das Gefühl, dass mein Körper sich langsam an seine alte Fitness von vor einem Jahr erinnert. Und darüber hinaus tun mir die Entspannungs-Übungen und psychologischen Betreuungen einfach nur gut.

Meine Formulierung für das, was sich in den letzten zwei Wochen getan hat: An dem Maß, wie es mir in der Zeit besser gegangen ist, kapiere ich selber erst so richtig, wie schlecht es mir in der Zeit davor tatsächlich gegangen ist.

Auch, wenn ich kein allzu voll geladenes Therapie-Programm über mich ergehen lassen muss: Die Krebs-Diagnose und die Therapie hatten mich doch mehr geschafft, als ich mir selber eingestehen konnte oder mochte. Kein Wunder: wenn man daheim auf dem Sofa sitzt, also in einem vertrauten, geschützten Raum, dann kann man sich leicht „irgendwie okay“ oder „naja, ganz gut“ fühlen.

Nun  jedoch bin ich selber wirklich verblüfft darüber, wie gut es mir hier durch die Reha wirklich geht!

Als brillante Entscheidung hatte es sich zuvor schon erwiesen, dass ich mein Fahrrad mit zur Reha genommen hatte – und heute sollte sich dies noch einmal lohnen. Aber so richtig!

Um Viertel vor zehn Uhr bin ich mit meinen Anwendungen durch, mein Reha-Programm ist damit für heute erledigt. Das Wetter ist bestens: Die Sonne scheint, ein paar Wölkchen haben sich versammelt, aber nichts Bedrohliches. Es ist zwar sehr kühl – aber dagegen kann man sich ja wappnen. Also liegt die Entscheidung auf der Hand: Es geht per Rad zur Familienfeier nach Heide. Na klar!

Gegen zehn Uhr geht es los. Das heißt: Fünf Stunden Zeit für knapp 40 km. In einem früheren Leben, als ich noch ein klein wenig radsportlich aktiv war (d.h. vor einem Jahr noch), hätte ich für diese Strecke mit ein wenig Ehrgeiz bei einer Alleinfahrt in gut eineinhalb Stunden benötigt.

Jetzt habe ich fünf Stunden. Was tun? Nun, ganz klar: Ich suche mir ruhige Nebenstrecken, fahre betont gemütlich und ohne den Impuls, irgendwie eine Art Training machen zu wollen (schließlich will ich ja auch nicht völlig verschwitzt und abgekämpft auf der Familienfeier ankommen), suche mir absuchtlich einen großen Umweg und schaue mich noch eine Weile in meinem früheren Heimatort Heide um. Damit sollten fünf Stunden doch zu füllen sein, oder?

Nun, es wurde eine grandiose kleine Radtour! Schon immer mochte ich es gerne und habe es genossen, mit dem Rad einfach durch „die Gegend“ zu fahren. Am liebsten dort, wo ich nicht durch Autos bedrängt werde – und solche Wege findet man in Eiderstedt und Dithmarschen leicht und zuhauf. Kein Problem!

Heute aber ist es für mich doch irgendwie etwas Neues, etwas Anderes. Nicht nur heute – eigentlich muss ich schreiben: Seit meiner Krebserkrankung nehme ich viele Kleinigkeiten und Erlebnisse viel, viel intensiver wahr, als jemals zuvor.

Fand ich solche Touren früher „schön“, so empfinde ich dies jetzt als „grandios“, „großartig“, ja, zuweilen gar überwältigend toll. Fast rühren mich meine Empfindungen beim Radeln hier selber zu Tränen.

Ein leichter Rückenwind tut sein Übriges, er sorgt dafür, dass ich weder Rückenwind noch Fahrtwind spüre, ich fahre „mit ihm mit“. Und rolle in völlig gemütlicher und total unanstrengender Geschwindigkeit durch eine Landschaft, die mir seit Kindesbeinen an völlig vertraut ist. Und empfinde dabei nur eines: Glück!

Bei meinem Weg stellt sich eine Glückseligkeit ein, die ich mir in den letzten Monaten schon gar nicht mehr zugetraut hatte. Ich bin hier und jetzt völlig entspannt und glücklich unterwegs – alles andere zählt gerade nicht.

Ich!

Hier!

Jetzt!

Alles andere ist egal.

Eine Zeitlang überlege ich, wie ich meinen glückseligen Zustand wohl ansonsten umschreiben könnte. Es fällt mir nur ein passender Begriff hierzu ein: Ich bin hier in totaler, wunderbarer Harmonie mit mir und meiner Umgebung unterwegs.

Einen weiteren Moment lang überlege ich, wann mir eine solche Harmonie zuletzt widerfahren ist, beschließe aber, als mir auf die Schnelle nix einfällt, dass mich solche Überlegungen nur ablenken und aus meiner Harmonie heraus reißen könnte. Also weg mit den Gedanken und weiter einfach aufsaugen.

Nach 59,6 km mit einer extrem gemütlichen Durchschnittsgeschwindigkeit von 17,9 km/h bin ich dann mitten in meiner alten Heimatstadt Heide auf dem größten Marktplatz Deutschlands (ja, wirklich: die Hauptattraktion der Stadt). Seit ein paar Jahren hatte ich mich hier nicht mehr umgeschaut – und so finde ich es ganz lustig, mich noch eine knappe Stunde hier ein wenig umschauen zu können. In der Tat: Ein paar Dinge haben sich gewandelt in der Zwischenzeit.

Geschlossen ist und bleibt wohl der kleine Krämerladen in Lüttenheid, in dem ich früher auf dem Weg zum Fußballtraining entlang kam und mir manchmal, wirklich ganz selten nur, einen Schokoriegel kaufte. Ist das schon 40 Jahre her? Ich kann mich allerdings gut daran erinnern. Und bin immer noch fassungslos, dass der Inhaber vor ein paar Wochen bei einem Überfall erstochen worden ist.

Oh weh, was ist bloß aus meiner Kleinstadt bloß geworden?

Dass ich in der Folgezeit wieder einmal bemerke, dass ich trotz fortschreitenden Altes immer noch keinen großen Sinn für Familienfeiern habe, ist nichts Neues. Aber es ist eben so. Und es ist okay.

Warum ich das alles hier schreibe?

Nun, dieser tolle Tag hat mir nachdrücklich die Erkenntnis gebracht, dass es mir, aller Belastungen des vergangenen Jahres zum Trotz, einfach nur gut gehen kann. Und niemand kann besser dafür sorgen, als ich selber. Ich bin dafür zuständig, dass es mir gut geht. Jede und jeder ist selbst dafür da, Dinge zu tun, die gut für sie oder ihn sind. Und, meine Erkenntnis des Tages: Das geht! Auch mit Krebs! Auch trotz Krebs! Man muss es nur wagen.

Und dafür ist vor allem das Jetzt wichtig. Nicht das, was für einen Mist ich zuletzt durchgemacht habe. Und auch nicht das, was mir an Mist vielleicht noch bevor steht (die Chance, dass mein Krebs wirklich geheilt ist, liegt nach Literaturangaben nur im günstigsten Fall bei fünfzig Prozent, ansonsten steht noch eine Hochdosis-Chemotherapie an).

Wichtig ist das „Ich – Hier – Jetzt“. Wann immer es geht.

Dann kann es einem auch trotz Krebs immer wieder gut gehen – und das in einer gewaltigen Intensität, die man zuvor so womöglich nicht wahrgenommen hat.

Ein paar Fotos der schönen Tour hänge ich mal an den Text an. Vielen mögen diese Bilder ja belanglos erscheinen – bei mir jedoch lösen sie sofort wieder die Empfindungen aus, die ich an diesem schönen Tag gehabt habe: Ein Hauch von konserviertem Glück.

 

Ehstensiel

Blick von Ehstensiel über das Wattenmeer nach Dithmarschen

Radweg am Watt

Unweit von St. Peter Ording: Die letzte Sturmflut vor wenigen Tagen hat auf dem Radweg direkt am Watt ihre Spuren hinterlassen

Radweg an der Nordsee

In Eiderstedt kann man direkt an der Nordsee entlang radeln. Am Horizont sieht man bereits Dithmarschen.

Eidersperrwerk

Das gewaltige Eidersperrwerk schützt das Hinterland an der Eider vor Sturmfluten.

unklare Radweg-Schilder

Wo, bitte, geht’s weiter nach Heide? Nur selten ist die Beschilderung auf meiner Radtour so unklar, wie hier.

Radweg am Deich

Zuweilen geht der Radweg in weiten Bögen am Deich entlang…

schnurgerader Radweg

… manchmal herrschen in Dithmarschen aber auch die ganz geraden Linien bis zum Horizont.

Schäfchenwolken

Das kann man dann wohl „Schäfchenwolken“ nennen.

Blick aufs Watt

Blick von Dithmarschen aus über das Watt. Der schmale dunkle Streifen am Horizont auf der rechten Bildseite ist Eiderstedt – wo ich in St. Peter Ording gestartet war.

Westerdeichstrich Windmühle

Eine schöne Windmühle am Wegesrand in der Ortschaft Westerdeichstrich bei Büsum.

Der Himmel über Dithmarschen

Der Himmel über einer typischen Dithmarscher Landschaft bei Wesselburener Deichhausen.

Dithmarscher Landschaft

Auf meist geraden und sehr ruhigen Wegen geht es durch Dithmarschen in Richtung Heide.

Selbstportrait

Wenn man beim radeln in aller Ruhe Selfies machen kann, dann ist die Radlerwelt in Ordnung.

Heide, St. Jürgen-Kirche

Angekommen in Heide bei der St. Jürgen-Kirche auf dem Marktplatz.

 

 

 

 

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