TAG 135: Vier Wochen Reha – was für ein Fortschritt!

Dienstag, 14.4.2015

Ein wenig verblüfft war ich ja schon, als mir der Chefarzt nach gerade mal einer Woche Reha empfahl, die Maßnahme für mich noch um eine Woche zu verlängern. Also auf insgesamt vier Wochen Reha. Okay, ich hatte schon kapiert, dass es mir mit dieser Reha zügig besser geht. Aber ob eine Zusatzwoche wirklich nötig ist?

Aber – warum sollte ich mich dagegen wehren, hier noch zusätzliche Zeit zu bekommen, die ich für mich ganz allein nutzen kann?

Denn genau das ist eine solche Maßnahme zur onkologischen Rehabilitation ja: Zeit, etwas für sich selber zu tun. Nur für sich selber. Durch den Klinikaufenthalt ist man aus dem normalen Umfeld ja komplett herausgenommen. Und man hat dadurch viel Zeit und Gelegenheit dafür, etwas für sich zu tun – sowohl bei den verordneten Anwendungen, als auch in der Freizeit.

Letzteres bedeutet, dass ich – und nicht nur ich – auch die Freizeit für viele Unternehmungen genutzt habe. Und das war häufig genug Bewegung an der frischen Luft. Zu Fuß, als Spaziergang. Oder auch als enorme Wanderung. Und per Fahrrad, wie ja zum Beispiel meiner kleinen Radtour nach Heide geschildert. Der abendliche Spaziergang an den Deich wird ziemlich schnell ein Ritual bei  mir – egal, wie das Wetter auch ist. Bei Regen genau so, wie bei Sonne oder dem allgegenwärtigen Wind.

Ganz großes Kino ist vor allem der Orkan zur Mitte meiner Reha. Orkan am Meer – wow! Sich dem direkt an der Nordsee auszusetzen hat schon einen enormen „Naturburschigkeitsfaktor“. Und: Hier hat man mal Zeit, sich dem auszusetzen. Und fühlt sich nach einem solchen stürmischen Erlebnis – schlicht großartig!

Großartig auch, von Anfang bis Ende der Reha, der Ton, der im Haus herrscht. Dieser ausgesprochen freundliche Umgang miteinander entwickelt für mich einen gewissen Suchtfaktor. Nie zuvor in meinem Leben bin ich von so vielen Frauen so freundlich und vorbehaltlos angelächelt worden, und nie zuvor in meinem 54jährigen Leben habe ich soviele Frauen freundlich angelächelt. Und das ohne jeden Hintergedanken. Man ist vorbehaltlos nett zueinander. Toll!

Gefühlt ist es in der Klinik eher so, dass sich viele der Patienten wie in einer großen Familie verhalten. Und gefühlt ist es auch so, dass eine durchgestandene Krebserkrankung etwas sehr verbindendes für alle hat.

Schließlich haben alle 200 Patienten hier mit ihrer Krebserkrankung eine sehr existenzielle Erfahrung gemacht. Alle zwar auf ihre Weise, aber alle doch mit ähnlichen Momenten. Alle hier haben eine mehr oder minder aufwändige Krebstherapie hinter sich gebracht, die bei über 75% der Anwesenden (wie ja auch bei mir) gerade erst seit wenigen Wochen beendet ist und so als Anschschlussheilbehandlung (AHB) angesehen wird.

Fast alle hier haben die Hoffnung, vielleicht aber nicht ganz den Glauben, dass die Erkrankung weg ist, die mühsame Zeit vorbei ist. Fast alle hier haben trotzdem Zuversicht, auf ein „neues“ Leben, noch einmal viele Jahre Lebenszeit geschenkt zu bekommen. Fast alle hier suchen einen neuen Halt und vielleicht etwas andere Orientierung, und viele hier sind irgendwie in einer Aufbruchstimmung.

Und doch haben ohne Ausnahme alle hier in der Klinik eine zumindest unterschwellige, aber meist doch deutlich vorhandene Angst, dass „er“ wiederkommt: Der Krebs. Die ersten Nachuntersuchungen stehen den meisten noch bevor. Und alle fragen sich, was wird sein bei einem positiven Befund? Ein paar Tipps zum Umgang mit dieser Angst kann man hier auf der Reha aber mitnehmen.

Kurz: Bei allen hier ist das bisherige Leben einmal kräftig durchgerüttelt worden.

Das alles zusammengenommen scheint eine außergewöhnliche Basis für eine freundliches, offenes und zugewandtes Miteinander zu sein. Die Sinne von vielen hier sind ganz offenbar neu geschärft worden. Man geht sehr achtsam um, mit sich selbst – und mit anderen.

Lange nicht habe ich mich in einer Gemeinschaft von Menschen so wohl gefühlt. Und das ist doch auch ein wenig verblüffend: Es kommen 200 krebskranke Menschen zusammen und es kommt überhaupt nicht zu Weltschmerz und Wehklagen. Lebensfreude und viel Zuversicht bestimmen eher die Stimmung. Auch, wenn es für alle mal notwendig ist, die zuweilen üblen Erfahrungen zu erzählen.

Genau dies hat mir einfach nur gut getan! Jetzt, zum Ende der Reha, kann ich mir nur vornehmen, möglichst viel hiervon in meinen Alltag in Hamburg hinüber zu retten. Das wird nicht leicht! Hamburg ist ja eher die Stadt der Acht- und Rücksichtslosen und macht einem so etwas im Alltag schwer. Ein wenig sorge ich mich vor einem „Hamburg-Schock“, sobald ich den Kokon der Nordfrieslandklinik in St. Peter Ording verlasse.

Vielleicht sollte ich mich einfach in der Klinik auf Dauer einmieten? Nein, ein Scherz, natürlich! Ich freue mich auch auf heimatliche Gefilde.

Ganz wichtig für das Gelingen einer solchen Reha ist – dass man sich darauf einlässt. Sich richtig darauf einlässt! Wenn ich zu der Reha fahre mit der Erwartung, lediglich etwas Beckenboden-Gymnastik zu lernen, dann habe ich an dem Übungen von Entspannungstechniken keine Freude und keinen Gewinn. Selbst, wenn ich dem Arzt bei der Aufnahme erzählt habe, unter beruflichem Stress zu leiden.

Der Gewinn und der Nutzen einer Reha ist zu allererst einmal von einem selber abhängig.

Aber natürlich auch von den äußeren Bedingungen. Klinikausstattung, Personal, Planung, Ernährung, Umgebung – auch das spielt natürlich eine Rolle. Und nach meinem Dafürhalten stimmt dies alles einfach bei dieser Klinik. Besonders hervorheben muss ich natürlich das Personal. Von der Reinigungskraft bis zum Chefarzt: Es waren alle freundlich, gelassen und zugewandt. Und mit vielen Therapeuten kann man auch eine Menge Spaß haben, besonders beim sportlichen Programm und – natürlich! – bei der Ernährungsberatung. Wirklich gute, engagierte Leute dort!

Das sportliche Programm war für mich eine besonders interessante Herausforderung. Als Fahrrad-Enthusiast war natürlich speziell das Fahrrad-Ergometer spannend, denn dort wird mit Zahlen und Messwerten der Fitness-Zustand ermittelt. Vor einem Jahr war ich noch viel auf dem Rennrad unterwegs, nahm begeistert an Jedermann-Radrennen teil und bereitete mich bis Ende Mai 2014 mit Schwung auf die neue Saison vor. Dann kam mein Seuchenjahr, bremste zunächst abrupt jegliche sportliche Aktivität und nun hatte ich das Gefühl, dass meine in Jahren zuvor antrainierte Kondition schlicht weg ist.

Nur ähnlich Begeisterte können mein Entsetzen nachvollziehen, als ich dann in der Klinik zum ersten Mal vom Fahrrad-Ergometer wankte: Bei einer Belastung von 80 bzw. 90 Watt raste mein Puls nach 20 Minuten geradezu mit 140 Schlägen pro Minute. 80 bis 90 Watt, das ist gerade ein klein wenig mehr, als Treppensteigen. Übersetzt heißt dies: Dieser Mensch ist unsportlich, hat keine Kondition! Ein Schock für mich: In Zahlen das, was ich doch irgendwie spürte. Denn: Der Puls lügt nicht!

Kurz vor der Entlassung aus der Klinik dann trete ich mittlerweile 180 Watt bei 145 Herzschlägen pro Minute. Schon viel besser! Zwar immer noch nicht eine tolle Leistung für einen Rennradfahrer, aber es ist an Zahlen nachweisbar: Es geht mir körperlich viel besser. Ein prima Fortschritt für vier Wochen. Ich bin zufrieden damit, ein klein wenig stolz sogar darauf.

Bei den Konzentrationsübungen (hier bei der Reha heißt das „Hirnleistungstraining“) kann ich leider nicht solche Fortschritte nachweisen. Ob das daran liegt, dass man mich da meist zu Zeiten einlud, zu denen ich noch nicht so richtig bei mir bin? Unter anderem, ich konnte es kaum glauben, am Morgen des Ostermontags (!) um 7:00 Uhr (!) sitze ich vor dem Rechner, um dieses Programm weiterzuführen. Das finde ich dann schon komisch und etwas übertrieben…

Aber überhaupt: Es ist keinesfalls so, dass es bei der Reha immer schön frei am Wochenende ist! Am Freitag gehen die Programme bis zu Nachmittag und auch am Samstag gibt es üblicherweise bis mittag ein Programm. Am Karfreitag begann mein Programm um 7:15 Uhr und es gibt ebenso vormittags Anwendungen, wie am Ostermontag.

Gesundheit kennt eben keine Pausen am Wochenende. Ich finde das völlig in Ordnung.

Nun aber ist Schluss damit! Es geht zurück in das wirkliche Leben, und das schrittweise. Man hat mir bei der Reha eine „schrittweise Wiedereingliederung“ in das Arbeitsleben verordnet. Auf meinen Wunsch hin startet mein Arbeitsleben wieder zwei Tage nach Ende der der Reha, und das mit zunächst vier Stunden Arbeitszeit. Vielleicht schreibe ich hierzu später noch einmal mehr…

In einem der Vorträge hörte ich, dass lediglich 20 Prozent aller Krebspatienten eine Reha als AHB tatsächlich machen. Und ich habe Verständnis dafür, dass viele nach einer überstandenen Krebstherapie einfach keine Lust haben, noch einmal in eine Klinik zu gehen und dort schon wieder von (allerdings nur wenigen) weißen Kitteln umgeben zu sein.

Aber: Man sollte dies gut abwägen! Wenn auch nur ein wenig Bereitschaft dazu vorhanden ist, sich auf einen solchen Prozess einzulassen, dann kann der Gewinn enorm sein! Das habe ich nicht nur an mir selber ganz deutlich und schnell bemerkt, sondern auch von vielen um mich herum gehört – oder es auch einfach nur wahrgenommen.

Wenn es irgendwie geht, dass ist eine solche Reha einfach nur empfehlenswert und ich bin sehr froh, diese Gelegenheit erhalten zu haben.

Aber nun: Zurück ins wahre Leben!

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