TAG 86: GESCHAFFT! Die letzte Bestrahlung

Dienstag, 24.2.2015

30 von 30 Bestrahlungstagen, 54,0 Gray Energiedosis gegen meinen Krebs.

So, es ist geschafft! Sechs Wochen lang, Tag für Tag ins UKE, zur Bestrahlung.

Das ist nun vorbei! Zumindest bis zum Juni darf ich jetzt in dem Glauben leben, dass mein Krebs tatsächlich „weg“ ist. Dann wird gründlich gesucht werden, ob man ihn wiederfindet.

Aber erst einmal hatte ich gestern und heute meine letzten beiden Bestrahlungen zu überstehen. An sich ja kein Problem. Ganz komisch und neu aber: Am Montag passt meine Maske plötzlich nur noch mühsam. Als sei ich über das Wochenende richtig fett geworden. Nur mit Mühe lässt sich die Maske einspannen und sitzt dann eine Viertelstunde lang dermaßen stramm, richtig schmerzhaft, dass ich nun, nach fast sechs Wochen Bestrahlungen, nach beinahe schon Routine-Ablauf, fast panisch reagiere.

Irgendwie halte ich das zwar auch aus, aber plötzlich ist die Maske um meinen Kopf schmerzhaft drückend. Ich liege in der gleichen Position, wie immer. Aber es passt nicht mehr. Ein Zeichen mehr, dass bald Schluss sein sollte mit den Bestrahlungen, oder? Mit dem Assistenten überlege ich nach Ende der Bestrahlung, ob es wohl Wassereinlagerungen in meinem Kopf gibt?

Wie auch immer: Am Dienstag ist dann die letzte Bestrahlung. Komisch: Die Maske passt wieder so, wie gewohnt. Dafür liege ich mit meinem rechten Ellenbogen irgendwo auf einer Kante auf, dass auch das schnell schmerzt. Aber Bewegungen sind ja wenn immer möglich zu vermeiden. Also halte ich auch noch mal diesen Schmerz aus.

Einmal noch dieses sonderbare, pulsierende blau-violette Licht in meinem Kopf. In dem Apparat um mich herum wandernd dieses klicker-klacker, oder besser schrapp-schrapp-schrapp des Tomotherapy-Gerätes (dieses Geräusch wandelte sich ein wenig, nachdem es eine Wartung an dem Gerät gegeben hatte). Die letzten 1,8 Gray in meinem Kopf zur letzten Beseitigung der Krebs-Zellen.

Und dann ist Schluss! Zum letzten Mal werde ich aus meiner misslichen Lage mit dem festgeschnallten Kopf befreit, bitte darum, die Maske mitnehmen zu dürfen. Etwas überrascht schaut die Assistentin. Aber als ich ihr erkläre, dass es ein wichtiges Souvenir an eine zwar nicht besonders schöne, aber doch eben sehr besondere und extrem wichtige Zeit in meinem Leben ist, da kann es sie wohl nachvollziehen. Zum Abschluss gibt es ein Lob von mir: Alle hier sein ohne Ausnahme immer sehr nett und aufmerksam gewesen, ich hätte mich gut aufgehoben gefühlt, hier würden hier einen guten Job machen und ich möchte mich für die Mühe bedanken. Sie freut sich darüber sichtlich.

Danach geht’s nach einiger Wartezeit zum Abschlussgespräch. Es wird ausführlich nach dem Stand der Nebenwirkungen gefragt, abgesprochen, wie die Weiterbehandlung weiter geht. Einen Termin für eine Nachsorge-Untersuchung Anfang Juni bekomme ich direkt.

Und auch ein paar Hinweise gibt’s mit auf den Weg: Sechs Wochen lang darf es keinerlei chirurgische Eingriffe geben. Und jeder Monat länger ist ein Gewinn. Insbesondere für die anstehende Operation am Auge sei dies wichtig. Weitere sechs Wochen lang keine öffentlichen Schwimmbäder, keine Sauna, kein Solarium (ich lächle bei diesem Hinweis milde in mich hinein), nicht in die direkte Sonne, einstweilen das Gesicht nicht weiter waschen, sondern nur mit der Wundcreme eincremen. Und überhaupt könne ich bei in der Folge noch auftretenden Problemen jederzeit hierher kommen.

Man verabschiedet sich von mir, ich kann mich nur bedanken und feststellen, dass hier eine insgesamt freundliche Stimmung herrsche.

Dann verlasse ich die Strahlentherapie. Wochenlang war ich täglich hier, aber Wehmut kommt nun nicht gerade auf. Aber auch kein besonderes Glücksgefühl. Eigentlich verspüre ich nur eines: Erleichterung, mehr nicht. Dann beantworte ich ich ziemlich knapp zwei, ja, Glückwunsch-SMS – und ab geht’s zum nächsten Termin.

Meine Zahnärztin steht auf meinem Plan. Die Zahnpflege war bei mir in den letzten Wochen extrem aufwändig – und eigentlich hatte ich in der gesamten Zeit keine von den befürchteten Zahnproblemen. Gerade hatte mir noch ein Kollege erzählt, dass bei seiner Freundin während einer Bestrahlung am Kopf gleich reihenweise Zähne ausfielen.

Da soll doch meine Zahnärztin mal genau schauen, wie der Zustand bei mir ist. Eigentlich, gebe ich ihr mit auf den Weg, fühle sich für mich fast alles normal an. Lediglich das Zahnfleisch sei etwas rau und komisch. Aber ich würde nichts Aufregendes wahrnehmen. Zu meiner Beruhigung geht es ihr ebenso: Nix Besonderes sei zu finden. Eigentlich sähe mein Zahnfleisch fast besser aus, als zuvor. Mein ganzer Aufwand hätte sich sichtbar ausgezahlt.

Na, das höre ich auch mal gerne. Eine Stunde Mund- und Zahnpflege pro Tag – erfolgreich, auch in dieser Extremsituation der intensiven Bestrahlungen über Wochen hinweg.

Wieder ein Gefühl der Erleichterung bei mir.

Da geht es als nächste Station doch gleich – zum Lieblingsbäcker. Einen Moment geht mir dort durch den Sinn: Genau hier, in dieser Filiale hatte ich auch ein paar Stunden, nachdem mir meine Krebserkrankung mitgeteilt worden war, gestanden. Damals bestellte ich, irgendwie als Aufheiterung, Mutmacher oder auch als Abschied aus meinem bisherigen Leben, meinen Lieblingskuchen. Vor Anspannung nach der Krebsdiagnose konnte ich ihn kaum essen.

Das ist gar nicht so lange her – und doch Teil eines früheren Lebens. Um mich in meinem jetzigen Leben für mein Durchhalten irgendwie zu belohnen, bin ich heute wieder hier, kaufe gleich zwei der geliebten Schoko-Franzbrötchen.

Und während ich bemerke, dass die mir immer noch vorzüglich schmecken, muss ich auch feststellen: Mein altes und mein neues Leben, es ist eine Menge passiert in der Zwischenzeit – aber soo sehr unterscheiden die sich ja gar nicht… Einer meiner Kreise hat sich gerade geschlossen.

 

Ein Gedanke zu „TAG 86: GESCHAFFT! Die letzte Bestrahlung

  1. Jana

    hallo,

    ich lese mich gerade durch den Blog.

    Der Schwiegervater einer Freundin hatte einen bösartigen Tumor an einem Stimmband. Dieser ist weggelasert worden und danach wurde er noch bestrahlt. Vor der Bestrahlung mussten ihm vorsorglich alle Zähne gezogen werden, da sich sonst Bakterien evtl. in den Kiefer fressen können. Man kann es aber wahrscheinlich alles nicht vergleichen.

    Ganz liebe Grüße aus B.

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