TAG 66: Ab sofort krankgeschrieben

Mittwoch, 4.2.2015

16 von 30 Bestrahlungstagen, 28,8 Gray Energiedosis gegen meinen Krebs.

Irgendwie ist es ja ein Mysterium: Man geht einige Tage zur Bestrahlung, legt sich dort auf die Pritsche, bekommt jeden Tag fünf Minuten Strahlen durch den Kopf gejagt, spürt davon nicht das Geringste (okay, ich kann immerhin etwas sehen und habe so ein „Funktionskontrolle“ des Bestrahlungsgerätes) – und nach einigen Wochen ist man geschafft, als würde man jeden Tag Leistungssport betreiben.

Ja, wieso denn nur? Das ist doch eigentlich merkwürdig!

Aber genau betrachtet ist es ja auch so: Der Körper macht ja seinen eigenen Leistungssport. Das Immunsystem läuft auf Hochtouren, es leistet Schwerstarbeit dabei. Jeden Tag wollen Millionen Körperzellen repariert werden, die als Kollateralschäden bei der Krebsbekämpfung mit beschädigt wurden.

Wie ich schon gegen Ende der vergangenen Woche merkte, geht mir mein Programm aus Arbeit und Krebstherapie an die Substanz. Dies setzt sich trotz des faulen Wochenendes Anfang dieser Woche nahtlos so fort. Sicherlich ist es gar nicht die Bestrahlung allein, sondern mein „Gesamtpaket“ aus Vollzeitjob mit zusätzlich abendlicher Bestrahlung, was mich so schafft. An den Bestrahlungen führt derzeit kein Weg vorbei – also ziehe ich bei der Arbeitsbelastung die Notbremse.

Am späten Dienstagabend, nach meiner Bestrahlung, bitte ich im UKE um ein Arztgespräch – das ich umgehend auch bekomme. Und ohne lange drum herum zu reden, bitte ich den Arzt um eine Krankschreibung, langsam würde meine Energie für mein Gesamtprogramm nicht mehr reichen. Er fragt gar nicht weiter nach, meint gleich, dass dies sicherlich sinnvoll sei. Ohne zu zögern schreibt er mich vom morgigen Tag bis zum 1. März krank – fast vier Wochen. So lange bin ich noch nie auf einen Schlag krank geschrieben worden. Aber es ist ja auch in mancherlei Hinsicht eine besondere Zeit für mich.

Angenehm wieder die unkomplizierte Art des Arztes. Obwohl während unserer paar Minuten Zeit sein Handy zweimal klingelt und er angefordert wird, liegt es ihm völlig fern, sich aus der Ruhe bringen zu lassen. So etwas nenne ich mal souverän. Auch zu meinen langsam immer zahlreicher auftretenden Nebenwirkungen hat er wieder Tipps. Und er freut sich sichtbar, als ich ihm berichte, dass die von ihm vor einer Woche verschriebene Mundspülung geradezu Zauberwirkung zeige, im Mund damit alles recht gut sei und ich das ebenso verschriebene Schmerzmittel noch gar nicht benötige.

Krankschreibung! Nun habe ich also Zeit für mich. Zeit, mich zu schonen.  Zeit, mich zu erholen. Zeit für meinen Krebs. Zeit für die Behandlung der Nebenwirkungen.

Diese Nebenwirkungen kommen so langsam in größerer Zahl vor. Allerdings ist alles nicht wirklich schlimm. Jedenfalls noch nicht. Und genau das ist das bisher irgendwie Unangenehmste daran: Ich habe immer das Gefühl, dass alles noch schlimmer, unangenehmer werden könnte. Und das gibt ein gewisses Gefühl von Unsicherheit: Bleibt das alles so kontrollierbar, wie jetzt? Oder ist es morgen schon schlimmer, vielleicht schmerzhaft? Wie schnell sich das ändern kann, habe ich ja schon erfahren.

Nun, jedenfalls nehme ich beständig weiterhin die Mundspülung gegen Entzündungen im Mund. Das zuletzt immer häufiger auftretende Nasenbluten wird mit dem eincremen durch eine Nasensalbe inzwischen deutlich weniger. Die gereizte Schleimhaut an meinen operierten Auge beruhigt sich hoffentlich mit dem häufiger und regelmäßig durchgeführten  Augentropfen, auf meine hilfreiche Kontaktlinse verzichte ich einstweilen. Bei der sehr trockenen, spannenden und knallroten Haut rund um die Nase im Bestrahlungsbereich wirkt die verordnete Wund- und Heilsalbe ziemlich prompt – auch, wenn sie furchtbar stinkt, die Rötung der Haut erhalten bleibt und mir ein Aussehen gibt, als käme ich direkt aus dem sonnigen Skiurlaub. Und die einfache Creme aus dem Drogeriemarkt wirkt längst schon prima gegen meine rissigen Hände.

Damit ist auch schon alles beschrieben, was bisher an Nebenwirkungen aufgetreten ist. Alles ist noch kontrollierbar – möge es so bleiben. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel und dauerhaft mit Cremes, Salben, Tropfen, Balsam und Spülungen herumhantiert. 10 oder 11 verschiedene Mittelchen. Aber: Wenn’s hilft mache ich das alles gerne! Man soll alles tun, damit es einem möglichst gut geht.

Aber, das erste, was ich dann nach meiner Krankschreibung allerdings am heutigen Mittwoch tue, ist – noch einmal zur Arbeit zu fahren. Einige Dinge wollen schnell noch geregelt werden: Mein Telefon auf einen anderen Apparat umleiten, den Abwesenheitsassistenten meiner Mailbox aktivieren, Krankmeldung abgeben, auf der Arbeit gebunkerte Medizin abholen, meinem Vertreter nochmal an ein paar Dinge erinnern, Vorgesetzten Bescheid sagen und noch mal die guten Wünsche von ihnen und den Kollegen mitnehmen.

Und das war’s dann mit der Arbeit. Für diesen Monat, zumindest. Aber wahrscheinlich kommt da noch ein Zeitraum hinzu.

Denn: Anfang der Woche meldete sich bei mir die Organisatorin für eine an meine Strahlentherapie anschließende Reha-Maßnahme, die „Anschluss-Heil-Behandlung“ (AHB). Vor einer guten Woche hätte ich noch gedacht, dass ich die nicht unbedingt brauchen werde und doch recht fit bin – inzwischen habe ich aber das Gefühl, rasant abzubauen. Und das sowohl körperlich, als auch seelisch. Ja, so langsam schlägt mir die Behandlung zuweilen auch aufs Gemüt!

Völlig klar: Eine solche Reha-Maßnahme wird mir ohne Zweifel gut tun, wenn die Krebstherapie durch ist. Körper und Geist wieder aktivieren, wieder ein wenig zu mir kommen, ein wenig fitter werden. Eigentlich eine tolle Möglichkeit. Es wird aber noch eine Weile brauchen, bis geklärt ist, wann und wo dies stattfinden wird.

Gut tun wird mir so eine Maßnahme schon allein auch deswegen, weil nach der Krebstherapie noch nicht Schluss für mich und meine Baustellen sein wird. Nach bisheriger Planung würde sich im April/Mai nahtlos die nächste große Augen-Operation anschließen. Gleich der nächste Kraftakt. Den operierenden Arzt hierfür versuche ich seit Tagen zu erreichen, es ist mir einfach nicht klar, ob diese Operation aufschiebbar ist – was ich gerne machen würde. Aber meine Versuche, ihn per Telefon zu erreichen, sind offenbar aussichtslos. Sehr ärgerlich! Vielleicht lässt sich dies per Mail klären?

Kurz: Es gibt einiges zu erledigen derzeit. Es ist keinesfalls so, dass ich in der nächsten Zeit unter Langeweile leiden werde.

Aber noch etwas ereignet sich, was mich sehr komisch berührt, eigentlich gleich auf doppelte Weise – aber auch wieder nicht direkt. Da stand doch am Montag in großen Lettern auf der Titelseite einer Zeitung, dass es in einem anderen Krankenhaus zwischen 2010 und 2013 eine erhebliche Panne gegeben habe, bei Bestrahlungstherapien. Da hat man „versehentlich“ bei (mindestens) zehn Patienten eine um den Faktor 10 zu niedrige Strahlung angewendet. Acht der zehn schwerkranken Patienten sind dann recht bald verstorben.

Nein, also, ganz ehrlich: So etwas liest man nicht gerne, wenn man selber gerade mitten in einer Strahlentherapie steckt! Ganz und gar nicht gerne liest man das in dieser Situation!

Hat es nicht einige Jahre vorher einen noch weitaus größeren Skandal bei der Strahlentherapie im UKE gegeben? Klar, da war doch was! In den 1990er Jahren wurden viele Patienten deutlich zu hoch bestrahlt. Wie viele -zig Millionen Entschädigung musste das UKE danach noch zahlen? Ich weiß es nicht mehr…

Oh, Mensch, man ist als Patient schon ganz schön ausgeliefert!

Ein Clou noch bei dieser Geschichte: Massiv an diesem neuen Skandal bei Strahlentherapien in Hamburg beteiligt ist die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz – mein Arbeitgeber. Auch, wenn ich nicht direkt in diesem Bereich arbeite, ist die Gesundheitsbehörde letztlich doch organisatorisch und zum Teil auch fachlich meinem Institut für Hygiene und Umwelt übergeordnet.

2013 hat die Gesundheitsbehörde von diesem neuerlichen Strahlenskandal erfahren, offenbar intern einige Dinge geklärt, aber weiter keine besonderen Konsequenzen gezogen. Weder wurde die Ärztekammer, noch die Staatsanwaltschaft einbezogen. Schon gar nicht wurde die Öffentlichkeit informiert.

Eine eher unglückliche Rolle, die „meine“ Behörde da abgibt. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Da sitze ich also unvermittelt zwischen den Stühlen „mein Arbeitgeber“ und „meine Therapie“, denke mir, dass das doch alles nicht wahr sein kann!

Aber es bleibt mir nichts anderes übrig, als in der Kunst der Ärzte und der Assistenten zu vertrauen. Vorbehaltlos zu vertrauen. Es gibt keine Möglichkeit für mich, die Bestrahlung irgendwie zu zu kontrollieren. Dass ich überhaupt bestrahlt werde, das bemerke ich ja jeden Tag: schließlich sehe ich das blaue Licht in meinem Auge täglich! Das gibt mir immerhin die Sicherheit, dass mein Lebensverlängerungsapparat überhaupt funktioniert. Und dass die Strahlen vielleicht um den Faktor 10 höher sein müssten und somit das blaue Licht auch zehnmal greller – das wiederum kann ich mir in meinem kühnsten Träumen nicht vorstellen…

Es bleibt mir nichts übrig, als zu vertrauen und zu glauben, dass alles gut wird. Aber etwas erschüttern tut einen eine solche Nachricht in dieser Situation schon. Keine Frage!

Ach ja, heute ist ja noch ein besonderer Tag! Es ist jedes Jahr am 4.2. der Welt-Krebstag. Und dieses Jahr bin ich dabei. Wenn auch nicht gerade stolz darauf. Aber irgendwie berührt es mich doch, wenn auch etwas seltsam, dass es mal einen Tag „auch für mich“ gibt. Das erste – und vielleicht ja auch zum letzten Mal.

Im Krebszentrum, pardon: im „Cancer Centre“ des UKE gibt es am Nachmittag einige öffentliche Veranstaltungen hierzu. Da ich meine Bestrahlung am Morgen habe, verzichte ich darauf. Leider jedoch erfüllt sich meine heimliche Vorstellung auch nicht: Eigentlich hatte ich gedacht, es gäbe am Krebstag für alle Krebs-Patienten ein kleines Präsent. Etwa so, wie es für Frauen am Frauentag überall eine Blume in die Hand drückt. Aber nix da! Business as usual gibt es heute im UKE. Wie schade! Aber ich werde es verschmerzen 😉

 

Ein Gedanke zu „TAG 66: Ab sofort krankgeschrieben

  1. Peter

    Ich wünsche Ihnen weiter alles Gute. Weiter so. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft, Mut und Optimismus.

    (Mit jedem Skandal wird die Wahrscheinlichkeit des neuen Skandals geringer.)

    Antworten

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