TAG 72: Bin ich ein „Radaropfer“?

Dienstag, 10.2.2015

20 von 30 Bestrahlungstagen, 36,0 Gray Energiedosis gegen meinen Krebs.

Na sowas! Das schlägt ja dem Fass den Boden aus!

Wie ja schon vor Wochen geschrieben, habe ich mich bisher nicht im Geringsten damit beschäftigt, wordurch meine Krebserkrankung wohl entstanden sein könnte. Denn: ich war mir sicher, dass solche Überlegungen zu keiner Lösung der Frage kommen werden, kommen können! Man fängt nur an, sich Gedanken über Probleme zu machen, zu denen es keine Antwort gibt. Dachte ich.

Und nun das!

Irgendwo gab es eine kleine Pressenotiz, die mich nun gehörig drucheinander brachte. Frei nach dem Motto: Wenn man sich nicht selber Gedanken hierum macht, dann kommen mögliche Gedanken über Verursacher von alleine zu einem.

Aber da muss ich mal tief in meine Vergangenheit greifen. Ja, ich war Soldat! Von Juli 1979 bis Juni 1981, also zwei komplette Jahre lang, im Alter von 18 bis 20. Bei der Luftwaffe, nominell. Von Flugzeugen habe ich jedoch nicht viel gesehen. Statt dessen allerdings von Raketen. Flugabwehrraketen vom Typ Hawk, die speziell gegen tieffligende Flugzeuge geplant waren. Ja, eine Weile lang habe ich tatsächlich geglaubt, so die Freiheit der westlichen Welt gegen den bösen, diktatorischen Osten zu verteidigen.

Vor ca. zehn Jahren nun hatte ich mitgekriegt, dass es viele, viele frühere Soldaten gibt, die schwer erkranken, auch und gerade aus diesem Waffensystem, oft genug an Krebs. Mir gingen damals dann viele meiner früheren Kollegen durch den Kopf – ich hatte während dieser Zeit insgesamt fast nur positive bis sehr positive menschliche Erfahrungen gemacht. Ob es da auch unter meinen früheren Kollegen Leute gibt, die ernsthaft erkrankt sind? Vielleicht schon gestorben sind? Das baschäftigte mich durchaus eine Zeitlang. Aber ich selber hatte damals keine ernsten gesundheitlichen Probleme. Während meiner Bundeswehrzeit hatte ich tatsächlich immer schön die Warnschilder beachtet (die gab es vor der massiven Hochfrequenzstrahlung, vor Hochspannung an dan Geräten selber, sowie vor einigen radioaktiven Bauelementen ebenda) – also vergaß ich mit der Zeit die ganze Angelegenheit.

Als ich jetzt vor ein paar Wochen nach meiner Krebsdiagnose in der Onkologie von dem Experten für Plasmozytome gefragt wurde, ob ich mal viel mit Strahlentechnik zu tun hatte, verneinte ich dies. An die Bundeswehr 35 Jahre zuvor hatte ich in dem Moment gar nicht gedacht. Und, na ja, so richtig ionisierende Strahlung war da ja kein Thema. Dachte ich.

Jetzt weiß ich: Es war alles Lug und Trug, was dort bei der Bundeswehr beim Waffensystem Hawk gemacht wurde!

HAWK HPIR-Radar

Deutlich zu sehen: Vor Hochfrequenz-Strahlung wurde bei diesem Radargerät gewarnt.

Ja, doch, es gab vor den „Dauerstrich-Bestrahlungs-Radargeräten“ Warnschilder in ca. 50 Meter Entfernung, dass der Aufenthalt im Strahlenkegel der Hochfrequenz-Strahlung ab hier gesundheitsschädlich ist. Und ca. 20 Meter davor wurde gewarnt, dass der Aufenthalt ab dort lebensgefährlich sei. Ja, doch, es gab an den Radargeräten jede Menge Warnungen vor den Hochspannungsgeräten, die dort verwendet wurden. Und ja, doch, es kleine, fast winzige Warnaufkleber auf einzelnen Röhren und Geräten, wo mit orange auf gelb vor radioaktiven Bauelementen gewarnt wurde.

Vor einer direkt an den Radargeräten sehr massiv vorhandenen Gefahr wurde überhaupt nicht gewarnt, nicht einmal informiert: Vor Röntgenstrahlung. Und diese wurde von verschiedenen Senderöhren der Radargeräte offenbar massiv abgegeben.

"Mein" Erfassungsradar-Gerät des Waffensystems HAWK während meiner Bundeswehrzeit.

„Mein“ Erfassungsradar-Gerät des Waffensystems HAWK während meiner Bundeswehrzeit.

Und das, natürlich, gerade besonders stark da, wo ich damals, vor 35 Jahren, vor allem mein Betätigungsfeld hatte: Beim Erfassungsradar PAR. Dort gab es gleich mehrere Senderöhren, von denen im normalen Sendebetrieb eine starke Röntgenstrahlung ausging. Dies ist bei Hochspannungsröhren technisch wohl gar nicht vermeidbar. Dass es jedoch weder eine nennswerte Abschirmung noch irgendwelche Informationen an die Soldaten gab, das nenne ich unverzeihlich!

Also habe ich dort meinen Körper über gut eineinhalb Jahre einer üppigen Röntgenstrahlung ausgesetzt – ohne es zu ahnen. Bis jetzt war ich komplett ahnungslos.

Erst später, als ich schon nicht mehr dort war, fing man an, Schutzmaßnahmen einzuführen. Als erstes wurde das Personal, dass an diesen Geräten arbeitete, verpflichtet, Bleiwesten zu tragen – viereinhalb Monate nach dem Ende meiner Wehrdienstzeit.

Vor ca. zehn  Jahren schlug die Debatte um die „Radaropfer“ hohe Wellen, bis in das Parlament hinein. Der Bundestag richtete eine Expertenkommission ein, die sich mit den Folgen der „Strahlung in Radareinrichtungen der Bundeswehr und der NVA (Radarkommission)“ ein. Diese Kommission bündelte vorliegende Informationen und legte im Jahr 2003 einen Abschlußbericht vor. Dort wird auch und gerade die Gefährdung durch „mein“ Radargerät umfassend dokumentiert. Neben dem Radargerät im „Starfighter“ und einigen Geräten bei der Marine gilt es als eines der gesundheitsgefährdensten.

Da strahlen sie: Einige der Senderöhren des Radargeräts PAR. Ohne, dass ich es ahnte auch jede Menge Röntgenstrahlung.

Da strahlen sie: Einige der Senderöhren des Radargeräts PAR. Ohne, dass ich es ahnte auch jede Menge Röntgenstrahlung.

Als ich jetzt in diesem Bericht ein wenig gelesen habe, da fror mir das Blut geradezu in den Adern. Eigentlich hatte ich mich in meiner Zeit bei der Bundeswehr FAST immer recht gut behandelt gefühlt, nun plötzlich schlägt das um. Völlig ahnungslos bin ich gewesen – und ich fühle mich systematisch verarscht. 35 Jahre später bin ich jetzt plötzlich bodenlos wütend auf die Bundeswehr. Ich bin ja bei Weitem nicht der einzige, der diesen Strahlen ausgesetzt war. Informationen hatte man bei der Bundeswehr seit den 1950er Jahren über Gefährdungen durch ionisierende Strahlung. Was hat man sich denn eigentlich bei der Bundeswehr gedacht? Ganz offenkundig sind die Menschen hinter den Soldaten der Bundeswehr damals völlig egal gewesen.

Ja, ja, ich weiß, was Sie jetzt denken: Das ist 35 Jahre her, woher will der Kerl denn eigentlich wissen, ob sein Krebs daher stammt? Der ist doch lächerliche zwei Jahre dort gewesen, war nur Operator, nicht Techniker! Das ist doch total unwahrscheinlich!

Und – vielleicht haben Sie ja recht. Vielleicht kommt mein Krebs in der Tat nicht daher. Vielleicht ist mein Krebs keine Spätfolge von dem totalen Leichtsinn der Bundeswehr-Luftwaffe. Und ich habe keine Ahnung, ob so etwas 35 Jahre lang in meinem Körper schlummern kann. Nichts wird sich hier jemals in irgendeine Richtung beweisen lassen.

Aber: Alle Bedingungen, die die Bundertags-Kommission als eine mögliche Folge der Strahlenbelastung in dem Papier nennt, erfülle ich. Nämlich: Es ist mehr als zehn Jahre her, dass die Strahlenbelastung vorlag. Ich hatte tatsächlich an dem strahlenintensivsten Gerät des Waffensystems Hawk zu tun. Und „meine“ Krebsart – also das Plasmozytom bzw. Multiples Myelom – wird anerkannt als mögliche Folge der Strahlenbelastung.

Und ich weiß ja auch noch, was ich damals dort gearbeitet habe. Letztlich hat man bei der Bundeswehr mutwillig bei tausenden von Soldaten schwere und schwerste Gesundheitsgefährdungen billigend in Kauf genommen. Mit ein wenig Suchen findet man im Internet reichlich Beispiele für tragische Krankheitsverläufe bei „Radaropfern“. Tausende haben geklagt auf Wiedergutmachung und Schmerzensgeld. Wenige wurden anerkannt, viele starben mittlerweile.

Lange hat sich die Bundeswehr herausgewunden, letztlich vor gut zwei Jahren eine Stiftung gegründet (zehn Jahre, nachdem der damalige Verteidigungsminister öffentlichkeitswirksam eine „streitfreie und großherzige“ Hilfe zusagte), mit der anerkannten Strahlenopfern bei erlittenenem finanziellen Notstand Unterstützung zukommen soll. Und das war’s dann…

Nun ja, niemals werde ich erfahren, ob ich zu diesem Personenkreis gehöre. Eigentlich wollte ich mir ja auch gar keine Gedanken über die Herkunft meiner Krebs-Erkrankung machen – aber plötzlich kamen diese Erkenntnisse in meine bisherige Ahnungslosigkeit geprescht. Helfen tut mir dieses Wissen aber auch nicht. Es wird ein unlösbares Rätsel bleiben, woher meine Erkrankung stammt.

Aber meine Sicht auf meine eigene Vergangenheit sowie auf die Bundeswehr (bei der NVA war es nicht viel anders) hat sich sehr plötzlich und sehr rasant verändert. Plötzlich empfinde ich die Bundeswehr als Sauhaufen, der sich aus seiner Fürsorgepflicht herausstiehlt – was viele Beispiele im Internet belegen. Meine eigene Krebserkrankung ist da bisher eher glimpflich verlaufen.

Bei der Bundeswehr habe ich letztlich also nicht nur Zeit verschwendet, sondern auch meine Gesundheit. Wie blöde!

 

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