TAG 366: Krebsdiagnose – Ein Jahr danach, ein Zwischenfazit

Samstag, 28.11.2015

Es ist Samstag, der 28.11.2015 – und ich habe heute einen ganz besonderen „Jahrestag“ zu begehen!

Heute vor genau einem Jahr wurde mir von einem Kieferchirurgen eröffnet, dass ich Krebs habe. Vier Wochen später war klar: Das Plasmozytom in einer Wucherung meiner rechten Kieferhöhle wurde in einem recht frühen Stadium entdeckt und kann möglicherweise sogar komplett geheilt werden. Ein schierer Glücksfall, den ich meiner aufmerksamen Zahnärztin zu verdanken habe!


Sehr präzise kann ich mich allerdings daran erinnern, was jetzt, in diesem Moment vor genau einem Jahr, bei mir los war (ich schreibe diese Zeilen am frühen Nachmittag). Der Tag, an dem ich meine Krebsdiagnose erfahre – ein unvergesslicher Tag. Und es gelingt mir heute, an diesem „Jahrestag“, nicht wirklich, diese Erinnerungen an diesen Tag vor einem Jahr abzuschütteln. Was war das da vor einem Jahr nur für eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Angst, Unglaube, Hysterie, Trauer, Unwillen, Hilflosigkeit – zusammengenommen ergab das bei mir schlicht eine totale Schockstarre.

Jetzt, ein Jahr später, staune ich fast darüber, wie schnell diese Zeit des völligen Schocks bei mir wieder vorbei war. Es mag eine persönliche Eigenschaft von mir sein, dass ich mich sehr schnell in Situationen einfinden kann, mich auf Neues einstellen kann, mich arrangieren kann. Dies ist vielleicht nicht immer im Leben hilfreich.

Aber wenn man erfährt, dass man an Krebs erkrankt ist, dann ist dies eine unabwendbare Erkenntnis. Dann hilft ein Hadern und ein Lamentieren überhaupt nicht, sondern dann geht es von Anfang an darum, das Beste daraus zu machen. Und meine Eigenschaft, mich schnell auch auf unangenehme Veränderungen einstellen zu können, war in dieser Situation einfach extrem hilfreich.

Insgesamt muss ich sagen: Eine ganz besondere Zeit liegt hinter mir! Trotz allem „mich-schnell-einstellen-können“ ist mein Leben in diesem Jahr einmal kräftig durchgeschüttelt worden. Mehrere längere Krankschreibungen (auch wegen Nebenfolgen), eine Reha, ein sich-wieder-antasten an den Job und überhaupt an die Normalität – neue Erfahrungen für mich.
Und, es ist auch einfach so: Wenn man von der eigenen Krebs-Erkrankung erfährt, dann erfährt man auch einmal das Gefühl, in den Abgrund zu schauen. Dies kann nicht ausbleiben. Man spürt, ich selber zum ersten Mal wirklich in meinem Leben ganz konkret: Dieses eine eigene Leben ist endlich! Das Ende des Lebens scheint plötzlich in Sichtweite.

Ich weiß nicht, was schlimmer sein wird: Das Sterben – oder der Tod. Aber beides stand plötzlich im Raume. Man lernt umgehend noch mehr Demut als zuvor – vor dem Leben, vor Schönheit, vor Frieden.

Aber man lernt auch – Angst. Angst ist derzeit gerade ja nahezu ein Modethema in den Medien – was irgendwelchen durchgeknallten, fanatischen Mörderbanden zu „verdanken“ ist. Wenn man Krebs hat, dann kennt man solche Angst aber sowieso (und, nur nebenbei erwähnt: als Radfahrer, der jeden Tag zweimal die Hamburger Innenstadt quert und sich dabei pingelig an die Verkehrsregeln hält, kenne ich Todesangst sowie schon lange – allerdings nur in einzelnen, konkreten und meist sehr kurzen Situationen).

Und, ja: Angst ist bei Krebs erlaubt! Ja, bei Krebs darf man Angst haben! Aber: Man muss auch drauf achten, dass die Angst einen nicht hat. Sich nicht blockieren lassen, die Angst als Ratgeber zu nehmen auf sich zu achten, aber nicht als Stopper wahrnehmen. Oder gar als Vorstopper.

Aber – um in meine „Jetzt-Zeit“ zu wechseln: Meine Angst ist nicht weg! Es ist nicht alles gut nach dem Ende der Krebs-Behandlung! Es gab einige Zeit nach Ende meiner Krebs-Behandlungen noch eine sehr böse Nebenwirkung, zumindest wurde dies als Nebenwirkung vermutet – dazu schreibe ich weiter unten noch ein paar Worte.

Plasmozytom, Kieferhöhle, MRT

Jaaa – diese Monsterbacke, das bin ich, das ist mein Kopf! Und das, was da links in der Kieferhöhle so leuchtet – das ist vielleicht immer noch mein Krebs, mein Plasmozytom. Man weiß es (noch) nicht.

Aber es gab auch bei meiner letzten Kontrolluntersuchung bei meinem niedergelassenen Onkologen auch ein Ergebnis, das mir nicht gefiel – und das dafür sorgt, dass mein Plasmozytom wieder mehr in meinen Gedanken ist. Die Ergebnisse der Blutuntersuchungen waren okay, die Suche nach den „monoklonalen Proteinen“ verlief weitgehend ergebnislos. Aber: Bei der bildgebenden Untersuchung meiner letzten Kontrolluntersuchung, einem MRT meines Kopfes, wurde in meiner Kieferhöhle lebendes Gewebe entdeckt, das dort nicht hingehört. Eigentlich sollte nach den Bestrahlungen dort alles abgetötet sein. Im Arztbericht stand so kurz, wie passend: Es sei nicht auszuschließen, dass es sich hierbei um „Resttumorgewebe“ handelt.

So etwas hört man nicht gerne, wenn man eigentlich in der Hoffnung lebt, dass man vom Krebs geheilt ist. Es wäre mir lieber, wenn alles gut wäre – klar. Aber: So ist es halt! Vielleicht muss ich noch weiter kämpfen, wer weiß? Und ich gestehe: Da habe ich durchaus Angst!

Und lebe trotzdem weiter, so gut es geht. Und doch gab es vor gut zwei Monaten einen ziemlich derben Rückschlag – kurz nachdem ich mit der tollen Teilnahme an dem Jedermann-Radrennen Cyclassics in Hamburg einen absoluten Höhepunkt des Jahres erlebt und selbst produziert hatte. Aber mein damaliger Schluss, dass mein Seuchenjahr damit beendet ist, war leider doch voreilig.

Und da bin ich genau bei der schon angedeuteten Nebenwirkung. Ein halbes Jahr vor der Krebsdiagnose hatte ich bereits eine große Augenoperation zu überstehen, nach einer Netzhautablösung.

Diese musste Anfang September, also sehr kurz nach den Cyclassics, sehr plötzlich und überraschend wiederholt werden. Es hatte sich sehr schnell ein gewaltiger Augendruck entwickelt (was man nicht spürt, sondern der Augenarzt kontrollieren muss), der „Abfluss“ des Auges war schlicht „verstopft“. Ohne jetzt Details auszuführen – aber dies war wohl tatsächlich eine Folge der Bestrahlung. Ebenso, wie mein stark angegriffener Sehnerv. Tja…

Diese große Augen-OP sorgte zum Einen dafür, dass ich mit einem Sehvermögen von unter zehn Prozent weiterleben muss. Zum anderen musste ich bei den fast vier Wochen Krankschreibung nach der OP zwei geplante Reise kurzfristig platzen lassen, und auch andere Unternehmungen ausfallen lassen. Und, zugegeben, gerade diese kurzfristigen Rückschläge warfen mich eine Zeitlang ins Jammertal. Kein gutes Gefühl, wenn man eine nicht gerade leichte Zeit hinter sich hat – und dann noch die eigentlich wenigen schönen geplanten Dinge abgesagt werden müssen!

Ja, auch das ist „der Krebs“: Eine solche Erkrankung greift in alle möglichen Bereiche des Lebens ein. Und ich habe gelernt: Nichts ist mehr wirklich planbar! Hat mich da wirklich ein Freund vor zwei Monaten gefragt, ob ich im Februar mit nach Portugal möchte? Februar??? Das erscheint mir mittlerweile wie Dekaden entfernt… Wer weiß schon, was dann sein wird?

 

Konzert Kraftwerk Hamburg 2015

„Radioaktivität“ beim Kraftwerk-Konzert im CCH Hamburg 2015

Umso schöner, dass mein persönlicher und auch lange geplanter Abschluss meines ersten „Krebsjahres“ am gestrigen Abend klappte: Ein Konzert von Kraftwerk in Hamburg. Welche Verblüffung bei mir, als ich wahrnahm, welche Wucht um die vierzig Jahre alte Musik, damals noch avantgardistisch, auch heute noch hat. Irgendwie ist die Musik von Kraftwerk eben auch ein Teil meines Lebens (wenn auch kein zentraler, aber immerhin) und ich verneige mich vor dem musikalischen Gesamtkunstwerk aus Düsseldorf umso mehr in Ehrfurcht.

Und genau dies nehme ich hier mal als Beispiel für – man mag es kaum glauben – positive Aspekte meiner Krebs-Erkrankung. Vieles hat einen neuen Wert bekommen. Vieles weiß ich neu zu schätzen. Besondere Momente (wie z.B. das genennte Konzert oder auch das Radrennen vor drei Monaten) nehme ich nicht mehr „nur“ als besonders wahr, sonders als „ganz, ganz besonders“. Ich spüre stärker, wie toll das Leben ist!

Eine neue Wertschätzung hat eingesetzt. Dazu gehört die Aufmerksamkeit und die Zuwendung von und zu anderen Menschen. Dazu gehört die Stabilität durch meine Arbeit. Dazu gehört die Schönheit der Erde. Dazu gehört auch meine eigene Achtsamkeit mit mir selber.

Eine große Gelassenheit ist eingezogen. Was soll mich derzeit schon noch schrecken? Niemandem muss ich noch etwas beweisen (nun ja, vielleicht hin und wieder mir selber?), ich muss niemandem mehr gefallen – vieles ist einfach wurscht. Und das ist gut so und gibt ein Gefühl von Freiheit – beschleunigt durch die Erkrankung.

All das zeigt: Meine Krebserkrankung hat in der Tat einige neue Facetten in mein Leben gebracht. Vieles zwar, was ich als unangenehm empfinde – aber auch vieles, was ich als angenehm empfinde. Und, vielleicht klingt es ein wenig hochnäsig, aber ich bin schon sehr stolz darüber, wie gut ich diese belastende Situation überstanden habe – bisher.

Dieser Blog tat sein übriges dazu, dass ich mich nicht verloren habe während dieser kritischen Zeit. Wie schon an anderer Stelle geschrieben: Für mich ist wichtig, dass ich das hier geschrieben habe, bzw. schreibe. Das sorgte für ein Sortieren und Strukturieren meiner Gedanken. Ich sehe, dass es manchmal Nutzer gibt, die sich stundenlang durch meine Seiten lesen. Das überrascht mich ein wenig. Aber offenbar gibt es Menschen, denen meine Gedanken etwas sagen – auch gut!

Kurz: Das Leben kann Überraschungen bereithalten. Wer weiß schon, was noch kommt?

Und: wer will das schon planen?

 

4 Gedanken zu „TAG 366: Krebsdiagnose – Ein Jahr danach, ein Zwischenfazit

  1. Gabriele Mertens

    Lieber Herr Matzen,

    von Ihrer Reise-Seite, auf die ich durch Zufall gestoßen war (und die eine fantastische Fundgrube ist – 1000 Dank dafür!!), war ich auf diesen Blog hier gestoßen. Ich habe mich tatsächlich auch „stundenlang durch (Ihre) Seiten“ gelesen. Bisher bin ich persönlich von Krebs verschont geblieben, aber wenn er mich denn mal ereilen sollte ( – wer weiß, vielleicht schon nächste Woche, oder nächsten Monat…? – ), dann könnte ich mir vorstellen, dass mir Ihr Blog eine sehr große Hilfe sein kann, um das zu verarbeiten und mit mir klarzukommen.

    Jetzt ist Februar. Ist es denn doch noch Portugal mit den Freunden geworden? Oder etwa stattdessen neue Ausflüge in Krankenhäuser, zu weiteren Augen- oder Kiefernhöhlen-Therapien?

    Ich würde mich freuen, bald wieder etwas von Ihnen zu lesen, allerdings natürlich deutlich lieber auf der Reise-Seite als im Krebs-Blog!! 🙂 Die Abwesenheit weiterer Einträge hier lässt mich hoffen, dass die Variante „Reise“ vielleicht doch eher wahrscheinlich ist.

    Ganz viele liebe Wünsche für Ihre Gesundheit
    Gabriele Mertens

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  2. Britta

    Lieber Dirk,

    wie geht es dir?
    Ich habe die letzten 2 Tage deine ganze Geschichte gelesen und nun bin ich etwas verunsichter, wie es bei dir weiter ging.
    Auch wenn wir uns nicht persönlich kennen, dein letztes Jahr habe ich irgendwie ein kleines bisschen miterlebt.
    Ich hoffe, dass deine „Abwesenheit“ hier daher rührt, dass du schöne, neue Dinge abseits des Krebs‘ erlebst!!

    Viele Grüße Britta

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  3. Michael Meier

    Guten Tag,
    ich hoffe, dass es Ihnen gut geht.
    Diese Form der gedanklichen Entspannung die man hier lesen kann, ist sicherlich gesundheitsförderlich. Ich habe gute Erfahrungen mit mentalem Training gemacht., wie es z.B. beim Krebstherapie-Begleitsystem eingesetzt wird (www.krebstherapie-media.de).
    Alles Gute

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  4. Carmen laube

    Hallo Dirk,
    ich Danke dir für diesen Bericht, auch ich habe mich nun 2 Tage durchgelesen. Ich habe seit 2 Wochen die Diagnose MM und den 1 Zyklus Chemotherapie hinter mir. Dein Bericht Hatt mir sehr geholfen. ich hoffe dir geht es zur Zeit gut und man hört wieder was von Dir. Ich glaube viele würden sich freuen was von dir zuhören.

    liebe Grüße aus dem schönen Ehningen
    Carmen

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