TAG 239: Eine Liebeserklärung an das Leben – die Cyclassics 2015 in Hamburg!

Freitag, 31.7.2015

 

Tja, was soll ich hier nur schreiben?

Alles ist gut im Moment, einfach gut! Außer dem Wetter, natürlich…

Aber mir geht es gut, richtig gut! Es gibt nichts zu berichten in Sachen Krebs bei mir. Und schon allein das ist eine perfekt gute Nachricht.

Und da es nichts wirklich zu berichten gibt, keine Neuigkeiten, was meinen Krebs anbelangt, schlummert dieser Blog ja auch vor sich hin. Kaum sind neue Einträge nötig. Denn letztlich habe ich nach wie vor die Hoffnung und den Glauben, dass mein Krebs besiegt ist. Allein: Gewissheit gibt es einfach nicht, und die Wahrscheinlichkeit, dass der Krebs wieder auftaucht, irgendwann, ist bei meinem Plasmozytom nicht gerade gering.

Die Normalität, die ich mir so gewünscht habe, sie ist inzwischen wieder da. So richtig! Ich fahre jeden Tag brav mit meinem Rad zur Arbeit, sammle dort inzwischen wieder einige Überstunden, lasse mich auf dem 11 km langen Weg mal gnadenlos nass regnen oder mal vom stürmischen Gegenwind quälen, schaue mir mittelmäßige Fußballspiele an, verbrauche meine Resturlaubstage mit einer 12tägigen, 1000 km langen, wunderbaren Radtour, verplempere gerne auch mal Zeit mit Nichtstun.

All das ist gut, fühlt sich altbekannt – und doch irgendwie immer noch neu an. Ich lebe viel mehr im Hier und Jetzt als jemals zuvor. Erfreue mich an und genieße Kleinigkeiten. Die großen Dinge sind gar nicht so wichtig. Wichtig ist: ICH, HIER, JETZT.

Und das soo gerne auch mit anderen: Ich habe eine ausgesprochen kommunikative Zeit, viel Freizeit ist mit Begegnungen gefüllt. Das nehme ich als Gewinn an Lebensqualität wahr.

Aber es gibt inzwischen auch wieder ein MORGEN für mich. Noch immer nicht so richtig weit vorausschauend. Aber ich fange wieder an, mir Gedanken zu machen, zu planen, und das nicht nur für die nächsten Kontrolluntersuchungen (die Anfang September dann anstehen werden).

Leider geht es auch um eine erneute Augenoperation im Herbst mit entsprechenden Voruntersuchungen – und anschließenden Einschränkungen, was Reisen, Sport und eventuell Arbeit angeht.

Aber in das Konzert von Kraftwerk Ende November werde ich trotzdem gehen können – und bin glücklich, eine Karte für dieses außergewöhnliche Gesamtkunstwerk der Musik ergattert zu haben. Im Oktober, noch vor der Augenoperation, gönne ich mir eine Woche Bildungsurlaub, mit einer langen Reise. Im September werde ich wohl auch noch eine Städtereise unternehmen.

 

Aber das für mich emotionalste Ereignis steht am Sonntag, den 23. August bevor: Meine Teilnahme an der Vattenfall-Cyclassics, einem Jedermann-Radrennen in Hamburg, der „Mutter aller Jedermann-Radrennen“ in Deutschland.

Spinnt der, denken Sie? Ein Radrennen, denken Sie? Fällt dem denn nach einer Krebstherapie wirklich nichts Besseres ein??

Und meine Antwort darauf lautet schlicht: Nein! Es fällt mir nichts besseres ein! Ich liebe dieses jährliche Ereignis!

Und ich will das, das wird mir gut tun und motiviert mich. Denn: Wer weiß schon, ob ich im nächsten Jahr noch werde teilnehmen können? Vielleicht bin ich dann schon für irgendwelche anstehenden, neuen Therapien mit Chemikalien vollgepumpt und liege vor allen Dingen im Bett?

Warum also warten – und worauf? Wer weiß schon, was in einem Jahr sein wird? Und bei mir ist dies noch wesentlich unsicherer, als bei den meisten anderen.

Zugegeben, meine Fitness ist vergleichsweise mäßig. Vielleicht reicht sie nicht für die ganze Runde. Aber ich kenne dieses Rennen und weiß ziemlich genau, was auf mich zu kommt.

Habe ich schon mein ganzes Leben gerne Fahrrad gefahren, so wurde dies in den letzten zehn Jahren zu einer wahren Leidenschaft. Seit ein paar Jahren bin ich mit Begeisterung bei diversen solchen Jedermann-Rennen mitgefahren. Dabei habe ich zu meiner eigenen Überraschung meine Leistungsfähigkeit einige Jahre lang enorm gesteigert, bin 2012 und 2013 in Hamburg bei den Cyclassics die lange Variante der drei angebotenen Strecken gefahren: 157 km – wofür einem fünf Zeit gegeben werden, um ins Ziel zu gelangen. Diese Zeit allerdings schaffte ich nur knapp. Aber das ist auch durchaus anspruchsvoll und nicht mal „so eben“ zu schaffen, erst recht, wenn man „Ü50“ ist und zuvor gut zwei Jahrzehnte lang keinen Sport gemacht hatte.

Vor einem Jahr konnte ich an dem Rennen leider nicht teilnehmen, obwohl ich mich sehr zeitig angemeldet hatte. Denn: Eine Augenoperation im vorangegangenen Mai hatte mich komplett stillgelegt, an Radfahren oder gar -rennen war monatelang gar nicht zu denken. Aber von meiner Krebserkrankung hatte ich zu dem Zeitpunkt noch keine Ahnung. Also stand ich an der Strecke und machte Fotos der Cyclassics 2014.

Später dann, bei der Krebs-Therapieplanung im UKE, habe einem Onkologen den „Auftrag“ gegeben, er möge bitte dafür sorgen, dass ich in 2015 wieder an den Cyclassics teilnehmen könne. Er meinte nach ein wenig Nachdenken nur: „Kein Problem!“. Vor Verblüffung fiel ich fast vom Stuhl.

Und nun ist es bald soweit, am 23. August.

Nach dem guten Ergebnis der Kontrolluntersuchung Anfang Juni habe ich mich noch am gleichen Tag für die Cyclassics 2015 angemeldet. Allerdings diesmal nicht für die „lange“ Runde, sondern für die „mittlere“ Strecke über in diesem Jahr insgesamt 106 km. Zeit hat man hierfür vier Stunden – was bedeutet, dass man 26 km/h im Schnitt fahren muss, um rechtzeitig ins Ziel zu kommen, bevor man als zu langsam aus dem Rennen genommen wird. Flott, aber nicht gerade besonders anspruchsvoll – wenn man denn einigermaßen trainiert ist!

Vor zwei Jahren noch hätte man mich wohl irgendwann nachts aus dem Bett holen können – und ich hätte die Strecke recht locker und ohne Probleme mit der verlangten Geschwindigkeit abgefahren. Einfach so, ohne große Mühe – weil ich fit genug war. Aber jetzt, nach dem vergangenen „Seuchenjahr“, ist das für mich zu einer enormen Herausforderung geworden. Aber eben auch eine tolle, spannende, lustvolle Herausforderung.

Was denn daran so wichtig ist, möchten Sie wissen? Gerade in letzter Zeit habe ich auch darüber nachgedacht, was mich da eigentlich so aufregt, so begeistert, so aufstachelt…

Und dabei ist das ganz einfach:

  • Bei dem Rennen spüre ich förmlich das Blut in meinen Adern rauschen, manchmal sogar in den Ohren klopfen
  • Zumindest bei den kleinen Anstiegen auf die Köhlbrandbrücke (dieses Jahr wird sie zweimal überquert), nach Ehestorf oder Langenrehm höre und spüre ich meinen Atem rasseln
  • Den Schweiß spüre ich im Gesicht, auf dem Rücken und an den Armen rinnen
  • In Ortschaften wie Ehestorf, Nenndorf, Marxen, Jesteburg oder Hittfeld höre ich Zuschauer klatschen und anfeuern – und werde mich darüber enorm freuen
  • Ich werde Schmerzen haben: Mein Hintern wird mir weh tun, oder der Nacken, oder der Rücken, oder die Hände. Oder alles gleichzeitig. Oder vielleicht auch gar nicht?
  • Das Adrenalin wird mir, zwar schwach dosiert, durch die Adern rauschen. Ja: ein rauschartiges Gefühl
  • Sollte ich das Ziel in der vorgegebenen Zeit erreichen, werde ich ungeheuer glücklich sein
  • Sollte ich das Ziel nicht in der Zeit erreichen, werde ich jedoch enorm traurig sein
  • In der Nacht zuvor werde ich vor Anspannung und Aufregung nur sehr, sehr unruhig schlafen, nachdem dies die Tage zuvor schon enorm angewachsen war
  • Und schon jetzt freue ich mich sehr auf das bevorstehende Erlebnis, denn das wird es in jedem Fall werden, wie immer es auch ausgeht

Der kurze Nenner zu dieser Liste ist zusammengefasst: Ich werde mich spüren. Ich werde mein Leben spüren!

So intensiv, wie sonst nur sehr selten – im normalen Alltag. Und ein intensives, positives Stück Leben – das ist genau das, was ich nach der Krebserkrankung bei den Cyclassics spüren will. Nie konnte ich genau das so gut gebrauchen, wie in diesem Jahr.

Cyclassics Jedermann Speicherstadt

Das Feld der Jedermänner bei den Cyclassics 2014 kurz nach dem Start in der Hamburger Speicherstadt

Und um „mein Leben“ zu spüren, schwinge ich mich am 23. August morgens früh auf mein Rennrad. Mein Trainingszustand ist nicht so gut, wie vor zwei, drei, vier Jahren. Oft bin ich inzwischen einfach zu nachsichtig mit mir und trainiere lange nicht so ausgiebig, wie damals. Da war ich vor dem Krebs verbissener, härter mit mir selber. Aber vielleicht reicht es in diesem Jahr ja doch dafür, mich durchzubeißen, irgendwie.

Überanstrengen werde und will ich mich aber auch auf keinen Fall und meinen in dem „Seuchenjahr“ geschundenen Körper einigermaßen schonend behandeln auf der Fahrt. Kein Risiko für die Gesundheit, das steht auch hierbei für mich über allem! Keine Sorge: Ich weiß um meine Grenzen, werde mich nicht so auspowern, wie früher mal. Und ich weiß eben auch, was auf der Runde auf mich zukommt.

Aber ich will eben noch etwas, und das ist ein wenig heikel: Ich will mir selber zeigen, dass ich stark bin! Und: Ich will meinem Krebs, so es denn noch Reste von ihm in mir gibt (das weiß ja niemand so ganz sicher), zeigen, dass ich stark bin, dass er mit mir einen starken Gegner hat! Der soll sich mal vorsehen!

Denn manchmal begreife ich den Krebs nicht als eine blöde Ansammlung von missratenen Zellen, sondern als einen Gegner, wie ein Wesen, wie einem Feind. Und dem will ich’s zeigen. Fuck you, Cancer!

Das heikle an den letzteren Gedanken: Was wird sein, wenn ich es nicht bis ins Ziel schaffe? Wenn ich zu langsam bin, oder die Kraft einfach doch nicht reicht? Gehe ich dann mit dem Gedanken nach Hause, dass ich doch nicht so stark bin, wie ich dachte? Ziehe ich mich so womöglich selber runter?

Um dies zu vermeiden, wird das Beste sein, dass ich es ins Ziel schaffe 🙂

Cyclassics Hafencity

Jedermann-Rennfahrer bei den Cyclassics 2014 kurz nach dem Start in der Hafencity

 

Mein Schlachtplan hierfür ist sehr simpel: Wegen eines nach meiner Augenoperation noch immer etwas eingeschränkten räumlichen Sehens will und muss ich auf jeden Fall vermeiden, in engen Rennfahrer-Gruppen zu fahren. Dies wäre für mich und meine Umgebung leichtsinnig und womöglich gefährlich. Also muss ich weitgehend allein fahren, in meinem eigenen Tempo. Oder mich mal an hinten kleine Grüppchen anderer Fahrer hängen. Und genau das habe ich nur dann selber in der Hand, kann dies nur dann sicher steuern, wenn ich hinten, ganz, ganz hinten im Fahrerfeld starte. Dann kann ich mir meine Begleitung und die Umstände selber aussuchen.

Also werde ich versuchen, als Letzter, wirklich als Allerallerletzter des Starterfeldes zu starten. Das hat ja auch eine gewisse Symbolkraft: Ich war Anfang der Jahres eine Zeitlang ja auch im Leben ziemlich weit hinten dran.

Zu den Cyclassics muss man allerdings wissen, dass auf diese Süd-Schleife in den letzten Jahren jeweils rund 13.000 bis 14.000 Fahrer auf die Strecke gingen und allein der Start aus den zahlreichen Startblocks fast eineinhalb Stunden dauert!

Von all denen will ich der Letzte sein, der durch den Startbogen in der Hafencity schlüpft. Der Nachteil und das Unangenehme an dieser Variante des Starts: Man hat von Anfang an den „Besenwagen“ hinter sich. Das heißt, man hat eine ganze Kolonne an Fahrzeugen im Nacken, die einen direkt einsammeln, wenn man zu langsam ist. Das stresst etwas und ist nicht schön.

Mal sehen was passieren wird…

Nein, es geht mir bei meiner Teilnahme nicht im Geringsten darum, möglichst schnell zu fahren, einen möglichst guten „Schnitt“ hinzulegen, möglichst viele andere Fahrer zu überholen und eine möglichst gute Platzierung zu erreichen. Andeutungen von solchem Ehrgeiz gab es bei mir in früheren Jahren, wenn auch nur schwach ausgeprägt im Vergleich zu anderen Teilnehmern. Nein, ich will diesmal einfach dabei sein! Ich will genießen – und das Ziel sturzfrei mit heiler Haut und mit eigener Kraft erreichen. Das wäre schön!

Cyclassics Anfeuerung

Anfeuernde Zuschauer bei dem Jedermann-Radrennen der Cyclassics in Harburg

Drücken Sie mir am 23. August doch einfach mal die Daumen. Oder, wenn Sie aus Hamburg kommen, stellen Sie sich ein wenig an die Strecke und feuern die Radler an. Gerade auch diejenigen, die da einsam ganz hinten fahren und sich, alle mit ihrer eigenen Geschichte, über die gut 100 km Strecke quälen. Vielleicht ahnen Sie gar nicht, wie enorm motivierend die Anfeuerung an der Strecke ist. Aber seien Sie gewiss: Dies schiebt einen Jedermann-Radler förmlich an.

Und wenn Sie an der Strecke stehen und anfeuern, dann bekommen Sie ja vielleicht auch eine Kusshand von mir zugeworfen. Mindestens 100 davon will ich verteilen. Als Liebeserklärung an das Erlebnis Cyclassics. Als Liebeserklärung an das Leben!

Dirk Matzen Göttingen 2013

Da sehen Sie mich beim Jedermann-Rennen „Tour d’Energie“ im April 2013 in Göttingen – so ähnlich bin ich dann bald auch in Hamburg zu sehen…

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