TAG 194: Kontrolluntersuchungen: Auf der Suche nach den „Monoklonalen Proteinen“

Freitag, 12.6.2015

So, das war sie jetzt, meine erste Runde an Kontrolluntersuchungen. Und, das Ergebnis vorweg: Alles ist gut!

Der Weg zu dieser Erkenntnis war jedoch nicht ganz frei von Steinen, allerdings eher aus Versehen.

Ganz ehrlich: Nicht erwartet hatte ich, dass bei mir eine ziemliche innere Unruhe entsteht, als es auf diese Kontrolluntersuchungen zu geht. Aber genau so ist es, ich werde ziemlich kribbelig, als diese Termine nahen.

Und dabei steht mir gar nicht sonderlich viel bevor: Eine Blutentnahme bei meinem Onkologen (für die Nachbetreuung habe ich mir in der Zwischenzeit einen niedergelassenen Onkologen gesucht), ein CT meiner Kieferhöhle sowie die Nachsorge bei der Strahlentherapie in der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE). Und dann sind halt ein paar Ergebnisse abzuwarten.

Also ging es vor zehn Tagen erstmal zu meinem Onkologen. Dort werde ich zunächst mal verblüfft angeschaut, huch, es stünde doch für heute niemand mehr für eine Blutentnahme auf der Liste!? Nach einigem Hin und Her findet sich doch ein Eintrag in einem Terminkalender. Der Terminkalender bei meinem Onkologen scheint problematisch, siehe noch unten…

Okay, dann eben die Blutentnahme, man drückte mir dann noch die Überweisungen für die Computertomographie (CT) und die Nachsorge im UKE in die Hand – und gut.

Das CT selber lasse ich dann in einer niedergelassenen Untersuchungspraxis. In dieser war ich Ende Oktober vergangenen Jahres schon gewesen – als meine ganze Krebs-Geschichte begann und eine Wucherung in meiner Kieferhöhle genauer untersucht werden musste.

Schon damals war ich beeindruckt von der perfekten Organisation in diesem Zentrum, stand damals exakt 20 Minuten nachdem ich die Praxis betreten hatte, mit den kompletten Unterlagen wieder auf der Straße. Diesmal dauert dies fast 30 Minuten – trotzdem eine fast sensationell zügige Arbeitsweise. Bei einem früheren CT im UKE fing nach dieser Zeit das eigentlich Warten ja erst so richtig an.

Ausgestattet mit Ausdrucken und CD der Aufnahmen geht es an diesem Tag für mich direkt weiter zur Arbeit – und dort, in ja schon fast alter Tradition, werden die gerade gemachten Fotos des Inneren von meinem Kopf von mir zunächst mal in Augenschein genommen.

Mein spontaner Eindruck: Da hat sich durch die ganzen Bestrahlung ja fast gar nichts verändert in meiner Kieferhöhle! Oh Schreck! Ist die ganze Aktion mit den Bestrahlungen sinnlos verpufft?

Okay, ich kann genau erkennen, an welcher Stelle Anfang November ein Stück gewachsenes Gewebe der Kieferhöhle für eine Biopsie entfernt worden ist. Aber sonst? Es sieht eigentlich alles aus, wie früher – finde ich jedenfalls. Nun gut, ich bin kein Experte – das ist aber etwas beunruhigend, ich werde erstmal abwarten müssen, was die Ärzte dazu sagen.

Das höre ich bereits tags darauf, bei der Nachsorge der Strahlentherapie im UKE. Bei dieser Nachsorge geht es vor allen Dingen darum, mögliche Folgen der sechswöchigen Bestrahlungen zu erkennen und zu lokalisieren.

Da war ich dann wieder mal in der Klinik für Strahlentherapie des UKE… Ehrlich: Ein komisches Gefühl!

Sechs Wochen lang war ich täglich hier, um mir mein Plasmozytom aus meiner Kieferhöhle „herausstrahlen“ zu lassen. Also quasi zur Lebensverlängerung war ich hier.

Jetzt melde ich mich zur Nachsorge an – und stelle gleich wieder fest, was für eine angenehme Atmosphäre hier doch herrscht. Aber das Wichtigste: Die zuständige Ärztin ist zufrieden. Meine Schilderungen der weitgehend zurückgegangenen Nebenwirkungen: Die Knochen im Bestrahlungsbereich im Gesicht sind noch etwas berührungsempfindlich und schmerzen bei etwas Druck geringfügig. Und auch die Schleimhäute in der Nase sind noch etwas angegriffen.

Die Ärztin findet dies weitgehend normal. Wohl oder übel müsse ich mich damit abfinden, dass sich die Struktur meiner Knochen im Bestrahlungsbereich verändert habe – diese Berührungsempfindlichkeit würde wahrscheinlich auch so bleiben. Und das mit meiner Nase, das käme schon noch wieder in Ordnung.

Ach ja, und der Befund des CT sei ja auch da – ja, das sähe doch ganz gut aus! Nichts Neues habe sich entwickelt, die Schleimhautschwellung ist etwas zurück gegangen. Die Ärztin zeigt sich zufrieden damit. Na gut, denke ich, dann wird sie wohl Recht haben. Einen neuen Termin bekomme ich noch: für den 9. Juni 2016 um 9 Uhr – exakt derselbe Termin, wie dieses Mal, nur eben ein Jahr später.

Als ich dann wieder auf dem Weg nach Hause bin, fällt mir ein, dass es mal wieder Zeit für eine „Belohnung“ wäre. Also gönne ich mir in einem Café ein recht opulentes „Vital-Frühstück“. Passt doch!

Später am Tag dann noch ein Anruf in der Onkologie. Ja, die bisher vorliegenden Werte sähen ganz gut aus! Allerdings stünden noch die Werte für die „Monoklonalen Proteine“ aus. Typische Anzeiger für meine Krebserkrankung, so eine Art Tumor-Marker für Lymphome und Plasmozytome. Diese Blutwerte sind die eigentlich entscheidenden zur aktuellen Beurteilung meiner Krebserkrankung und sie sollen am Freitag dann vorliegen, oder auch erst am Montag. Ein paar Tage Geduld also noch.

Ja – und dann ist der heutige Freitag schon da, und ich nutze eine kurze Leerlaufphase auf der Arbeit, um bei meinem Onkologen anzurufen.

Die Sprechstundenhilfe kann zu meiner Verblüffung (soo oft war ich ja noch gar nicht in der Praxis) meinen Namen sofort einordnen: Jaaaaa, hallo, man habe schon mehrfach versucht mich anzurufen, wegen des Termins für die Chemotherapie am 18.   Hm, Mist!, denke ich. Und frage nach, aha, Chemotherapie jetzt also – meine Werte sind also nicht gut?

Die Dame stutzt ein wenig, hm, eigentlich sähen die aber schon ganz okay aus, druckst sie. Aber, doch, der 18. stünde so im Terminkalender für die Chemo. Hm.

Irgendwie hatte ich mich ja innerlich darauf eingestellt, dass so etwas passieren kann, passieren könnte – ich habe also in diesem Moment nicht gerade das Gefühl, dass mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Eher bin ich verblüfft. Damit hatte ich schlicht nicht gerechnet!

Ob denn der Arzt mich bitte nochmal anrufen könne, um mir das genauer zu erklären? frage ich. Ja, natürlich, da müsse ich mich aber leider noch ein wenig gedulden.

Mist! Verdammt! Jetzt also doch: Das volle Programm! Chemotherapie!

Die nächsten zwei Stunden sind nicht schön, meine Arbeit ruht weitgehend – ich muss mich erstmal doch sammeln. Und ein wenig im Internet über mögliche Chemotherapien lesen. Häufig gibt es bei Patienten mit einem Plasmozytom eine Hochdosis-Chemotherapie, mit der Übertragung eigener Stammzellen und zehn bis 14 Tagen geballter, hochkonzentrierter  Infusion von den Mitteln der Chemo.

Na ja, wenn’s denn sein muss – fange ich schon an, mich in mein Schicksal zu ergeben. Und wieder lese ich in Informationsbroschüren im Internet aus den USA solche Dinge, dass von den Patienten mit exakt meiner Diagnose nach fünf Jahren 45 Prozent verstorben sind. Nach 10 Jahren 75 Prozent. Ach, Mensch! Sehr plötzlich habe ich das Gefühl, mich wieder an Hoffnungen klammern zu müssen. Z.B. zu den glücklichen 25 Prozent zu gehören, die mehr als 10 Jahre leben… Blöd! Du blöder Krebs!

Aber doch: Neu sind diese Dinge und Erkenntnisse nicht wirklich für mich. Also wende ich mich nach und nach wieder meiner Tätigkeit zu. Mit einem in der Tat noch ungläubigen Gefühl.

Drei Stunden nach meinem ersten Telefonat ruft dann der Arzt an. Ja, er hätte jetzt ja alle Werte – und es sähe alles gut aus. Optimal, eigentlich. Jetzt stutze ich aber! Und antworte auf seine ja eigentlich gute Kunde nur mit einem eher sinnlosen, aber völlig verblüfften „Hä?“  und schiebe nach einem Moment nach: „“Wie kommt das?“ Nun spüre ich bei ihm Unsicherheit, förmlich durch das Telefon greifbar. Er druckst herum: „Wieso, was ist los?“. Das reicht, damit ich mich wieder gesammelt habe und ich erläutere ihm, dass mir die Sprechstundenhilfe vorhin gerade erzählt habe, dass am 18. eine Chemotherapie für mich beginnen würde – und das, trotz guter Werte?

Er scheint etwas nachzuschauen, meint dann nach einem Moment, oh, ja, da sei in dem Terminkalender etwas verwechselt worden. Das sei ein dummer Fehler gewesen, das täte ihm sehr Leid, entschuldigt er sich. Keine Chemotherapie, klar! Na ja, merke ich nur an, meine Gedanken seien ganz schön ins Rasen gekommen bei der Nachricht vorhin. Nach einem weiteren Bedauern besprechen wir kurz das weitere Vorgehen. Anfang September kommt dann die nächste Blutkontrolle für mich. Ein weiteres CT will er gar nicht so gern machen, vielleicht sei mal ein MRT angesagt. Das würde die Strahlenbelastung letztlich nicht weiter erhöhen. Ich bestärke ihn bei dem Gedanken, hatte ein MRT bisher ja auch noch gar nicht kennengelernt. Er will sich da mal Gedanken machen.

Wir beenden das Gespräch – und anstatt mich über den sonderbaren Fehler mit der Ansage der Chemotherapie zu ärgern, bin ich einfach nur erleichtert. Soooo erleichtert!

Wahrscheinlich bin ich auch gerade durch diesen Fehler noch viel, viel mehr erleichtert, als ich es bei der Ansage ohnehin gewesen wäre. Letztlich habe ich gehört, was ich erwartet hatte und hören wollte. Aber ich bin, wieder einmal, kräftig durchgeschüttelt worden. Meine Güte!

Aber, das Wichtige ist: Alles ist gut! Die Werte meiner „monoklonalen Proteine“ sind „optimal“! Was kann ich mehr wollen?

Ich habe jetzt ein Vierteljahr Ruhe – bis zur nächsten Kontrolluntersuchung.

Jetzt geht’s erstmal darum, meine Resturlaubstage etwas abzubauen – 18 Tage sind aus dem vergangenen Jahr noch übrig. Ab Mittwoch der kommenden Woche bin ich also in Urlaub, für zweieinhalb Wochen. Auf dem Fahrrad. Es geht auf den Mainradweg, mit netter Begleitung.

Und alles ist einstweilen gut!

 

2 Gedanken zu „TAG 194: Kontrolluntersuchungen: Auf der Suche nach den „Monoklonalen Proteinen“

  1. Jana

    so, fertig gelesen. 🙂

    ich wünsche dir alles alles gute für die zukunft. auf das die gesundheit weiter stabil bleibt.

    liebe grüße, jana

    Antworten
    1. dirk@mein-krebs-und-ich.de Beitragsautor

      So, Urlaub zu Ende! Drum erst jetzt die Genehmigung des Kommentars…

      Vielen Dank für die Wünsche!

      Diese erwidere ich gerne, auch und besonders für den Schwiegervater! Ganz sicherlich lässt sich seine Geschichte nicht mit meiner vergleichen – aber es passiert bei Bestrahlungen offenbar eine ganze Menge im Körper…

      Viele Grüße
      Dirk

      Antworten

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