TAG 8: Krebs macht ehrlich!

Freitag, 5.12.2014

Eingang zum Hauptgebäude

Der Eingang zum Hauptgebäude

Ich muss wohl oder übel damit rechnen, dass dies bei mir zur Gewohnheit werden wird: Morgens geht’s mal schnell ins Krankenhaus! Nicht unbedingt die schönste Angewohnheit. Nicht unbedingt erstrebenswert.

Üblicherweise wird darauf der Weg zur Arbeit folgen, aber heute habe ich mir den Tag einfach frei genommen – schon allein weil ich fürchtete, durch lange Wartezeiten sehr spät zur Arbeit kommen zu können und mein Arbeitszeitkonto sehr zu belasten. Zudem wollte ein Tag Sonderurlaub noch verbraucht werden. Also, heute: Uni-Klinik UKE – und danach frei!

Es ist Freitag, und am Freitag habe ich seit einigen Wochen einen regelmäßigen Termin in der Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie (MKG). Anfang November hatte ich ja eine kleine Operation. Ein Zahn im Oberkiefer musste entfernt, die komplett mit einer unbekannten Masse gefüllte Kieferhöhle geöffnet werden. Am vergangenen Freitag erklärte mir der Arzt in der MKG, dass diese Masse ein bösartiger Tumor ist. Ich konnte nichts verstehen und erst im Laufe der Woche den kryptischen Satz nachvollziehen, den er zu mir sagte: „Tja, Herr Matzen, sie haben entweder ein niedrig-malignes Non-Hodgkin-Lymphom der B-Zellreihe oder ein Plasmozytom„. Erst, als er von einer Chemotherapie redete, begriff ich langsam, was los ist.

Heute bin ich wieder bei diesem Arzt, anschließend geht es schon wieder in die Röntgen-Abteilung, ein CT meines Halses war vorgestern vergessen worden und muss nun nachgeholt werden.

Um mich etwas vorzubereiten, habe ich mir daheim eine Zettel mit Fragen an den Arzt der MKG vorbereitet. Klar, zu meiner Krebserkrankung wird der zweifache Doktor für Human- und Zahnmedizin mir wenig erklären – da habe ich in der folgenden Woche erste Termine.

Aber schließlich habe ich im Mund ja auch noch eine Großbaustelle – und muss mal Klarheit bekommen, wie es hier jetzt weiter geht und was in diesem neuen Kontext mit der Krebserkrankung jetzt Sinn macht. Der Termin vor einer Woche war nicht so gut gelaufen, völlig ohne Informationen wurde ich entlassen – und konnte danach selber sehen, woher ich jetzt Dinge erfahre.

Während ich bei früheren Terminen in der MKG zuweilen lange Wartezeiten in Kauf nehmen musste, geht es heute wie im Handumdrehen: Um acht ist mein Termin, um zehn vor acht sitze ich im Wartebereich, zwei Minuten später bin ich bereits im Behandlungszimmer, der Arzt ist schon drin empfängt mich freundlich mit der Frage „Wie geht es Ihnen?“

Tja, was soll ich dazu sagen? Mein Leben ist in dieser Woche aus den Angeln geraten, eine gewaltige Gefühlspalette ist und wird weiter durchlaufen, aber ich fühle mich auch auf eine besondere Weise lebendig. Es gibt auch keinen Grund, freundlich zu plaudern – also antworte ich grundehrlich: „Also, ich weiß es gar nicht so richtig! Ich und alle um mich herum sind durcheinander und in Aufruhr!“

Nehme dann aber unverzüglich meinen Zettel und damit das Heft des Handelns in die Hand, erkläre, dass ich für einige Dinge mal Klarheit brauche, mir einige Fragen vorbereitet habe. Ich wisse, vielen Ärzten gefallen Zettel mit Fragen nicht sehr – aber das sei für mich jetzt eben mal nötig. Eine offenbar gute Methode: Er lässt sich locker darauf ein, erklärt meine Fragen mit exakt der Ausführlichkeit, die ich als Infos brauche – ohne ab- oder auszuschweifen. So und nur genau so kann ich Vertrauen zu einem Arzt fassen.

Einer der Punkte auf meiner Fragenliste: Ich möchte den Befund, den der Arzt vor einer Woche so ausführlich gelesen hatte! Überhaupt will ich alle Briefe, Daten und Befunde sammeln, die so anfallen. In der vorangegangenen Woche hatte ich nach der Diagnose „Krebs“ einfach nicht mehr den klaren Kopf gehabt, um mir den Befund aushändigen zu lassen. Letztlich konnte ich mich nicht einmal genau erinnern, ob mein Lymphom nun eines des „Hodgkin-“ oder „Non-Hodgkin-Typs“ ist.

Dieses Anliegen findet der Arzt offenbar sinnvoll, druckt mir den Befund gleich zweimal aus, das zweite Exemplar sei für meinen Hausarzt.

Als ich später dann den Bericht durchlese, verstehe ich im Schnitt zwar nur jedes fünfte Wort, aber ich stolpere doch sehr über Sätze wie „Abschießend sprechen die Befunde somit für einen Befall der Kieferhöhlenschleimhaut durch einen Tumor, speziell vom Typus eines Plasmozytoms“. Es wäre zwar auch ein „Non-Hodgkin-Lymphom der B-Zellreihe /…/ in Betracht zu ziehen /…/ obwohl ein Plasmozytom eindeutig zu favorisieren ist.“

Das stimmt nicht überein mit den Angaben, die ich auf den Überweisungsformularen des Arztes gefunden hatte! Dort fand ich allein die Diagnose eines „niedrig-malignen Non-Hodgkin-Lymphoms der B-Zellreihe“. Jetzt klingt es so, dass ein „Plasmozytom“ ja wahrscheinlicher zu sein scheint! Ich bin irritiert – da werde ich mich wohl wieder im Internet weiter informieren müssen. Aber, so oder so: Dem werde ich mich stellen müssen! Ich will und kann mir nichts vormachen – Krebs macht ehrlich.

Insgesamt ist es aber heute Morgen ein guter Termin in der MKG! Mein nächster Termin in der MKG ist nun allerdings mal nicht am Freitag nächster Woche, sondern ein paar Tage später – und da soll dann die Kieferhöhle zugenäht werden. Die Wundheilung solle möglichst weit fortgeschritten sein, wenn denn die Chemotherapie irgendwann beginnt.

Heute jedoch geht es direkt danach zur Röntgen-Abteilung. Bei dem CT vor zwei Tagen hatte man ja vergessen, meinen Hals mit aufzunehmen. Der Dame, die mich gestern angerufen hatte, war dies spürbar unangenehm – aber sie ließ sich darauf ein, dass ich dann halt „irgendwann“ komme, wenn ich in der MKG „fertig“ bin. Zudem sichert sie mir zu, dass ich schnell dran kommen würde und nicht wieder eineinhalb Stunden dort warten müsste. Sie selber sei zwar nicht da, aber den Kollegen würde sie Bescheid sagen. Aber natürlich wisse man auch nie, ob irgendwelche Notfälle anstünden.

Nun stehe ich in der Anmeldung der Röntgenabteilung, sage zur Einleitung meinen Namen – weiter komme ich gar nicht. Die Dame am Tresen meint sofort „Aha, Sie sind der Hals!“ Sie ist offenkundig bestens präpariert. Ab in den Wartebereich – und tatsächlich: es geht alles ziemlich zügig. Schwupps, werde ich von einer Ärztin herein gerufen, eine erneute Patienteninformation sei nicht nötig, und, zack – habe ich auch schon wieder eine Braunüle in der Armbeuge. Fürs Kontrastmittel.

Das anschließende Warten gestaltet sich auch kurz – heute scheint im UKE ja alles zu gehen. Ein junges, zauberhaftes Wesen holt mich ab für die Untersuchung – und plötzlich wird das Ganze fast zu einem Vergnügen! Die junge Fee geleitet mich zu der mir schon bekannten, großen Röntgenanlage. Nein, Ketten oder herausnehmbare Zähne habe ich nicht. Rauf auf die Liege, prompt werde ich über die Braunüle an das Kontrastmittel-System angeschlossen.

Der Ablauf an sich ist mir von vorgestern ja noch vertraut. Auf der Liege hin und herfahren, stillhalten bitte, surr, surr, Strahlen, Strahlen, die Ansage „Achtung, das Kontrastmittel kommt“ – von letzterem merke ich heute jedoch nichts. Vorgestern durchschoss mich förmlich eine Hitzewelle. Heute nicht. Bin ich schon daran gewöhnt?

Kurz danach steht die junge Schönheit schon wieder neben mir – die Untersuchung ist schon zu Ende. Irritiert bemerke ich, dass da mit dem Kontrastmittel wohl was nicht geklappt hätte, ich hätte keine Hitzewallung gehabt. Doch, doch, da sei schon alles in Ordnung. Umsichtig, fürsorglich und freundlich erklärend befreit sie mich von der Braunüle und geleitet mich zur Umkleidekabine, danach sei ich fertig.

Nachdem ich noch darum gebeten habe, dass man mir wieder eine CD von den Aufnahmen anfertigt, höre ich mich noch zu ihr sagen, dass sie dies hier wirklich sehr freundlich erledigt und es förmlich eine Vergnügen sei, von ihr betreut zu werden. Irgendwie etwas peinlich für so einen alten Knacker, wie mich. Ich kriege ein irgendwie bemüht-freundliches Lächeln als Antwort, aber auch einen Blick, der zu sagen scheint „Ach, lass mich doch in Ruhe, Opa!“ Stimmt – hätte ich mich beizeiten rangehalten, könnte sie meine Enkelin sein. Aber das ist völlig egal, denn:

Krebs macht auch ehrlich!

Bei was sollte man sonst ehrlich werden, auch zu sich selber, wenn nicht in existenziellen Situationen? Und das ist die Diagnose Krebs in jedem Fall!

Und zur Ehrlichkeit gehört in der Situation auch, festzustellen, dass ich vor 30 oder 35 Jahren wegen dem Mädel wohl eine schlaflose Nacht vor mir gehabt hätte vor Aufregung. Heute jedoch beobachte ich mich leicht kopfschüttelnd selber, wie ich hier verzaubert von einer jungen Frau bin, die rein vom Alter her fast schon meine Enkelin sein könnte. Aber egal, das tut ja niemandem weh.

Rund eine Viertelstunde muss ich noch auf die Fertigstellung der CD mit den Aufnahmen von meinem Hals warten – auch das Prozedere ist mir ja schon bekannt. Aber es geht heute insgesamt alles erstaunlich fix – um kurz vor neun Uhr verlasse ich das UKE. Für das abzuwickelnde Programm am heutigen Tag war das wirklich sehr, sehr schnell – und sehr angenehm!

In der Nähe des UKE hat sich bei mir zuletzt eine Art Stammcafé herauskristallisiert – das hat jetzt ja noch einen Besuch verdient. Ich habe ja frei! Den Tag kann ich ja genießen!

Und tue das auch – was nicht unbedingt heißt, dass ich besonders viel unternehme. Aber: Mittlerweile habe ich mich ganz gut gefangen, ich kann auch wieder andere Dinge denken, als „Krebs“. Also lese ich daheim ein wenig im „Kruso„, mache ein ausgiebiges Nickerchen, schaue ein wenig fern. Die vergangenen Tage waren körperlich als auch seelisch anstrengend – da ist etwas Ruhepause nicht nur gut, sondern auch notwendig!

So werde ich auch das anstehende Wochenende angehen: Pause und Erholung! Meine Kräfte werde ich noch brauchen…

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.