TAGE 11+12: Der Zauber der Normalität

Montag / Dienstag, 8./9.12.2014

Regen in Hamburg – aber mich stört das heute nicht im Geringsten. Trotz kräftigen Regens genieße ich es, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Radfahren ist für mich einfach ein Lebenselexier!

Und jetzt brauche ich es umso mehr, durch Hamburg zu radeln! Ich bin zwar krank – eigentlich tödlich krank – habe jedoch derzeit noch keinerlei Beschwerden durch diese Krankheit. Also: Radfahren…!

Komisch jedoch: Wenn man vor einigen Jahren noch im Dezember durch Hamburg radelte, dann war man fast allein auf den Radwegen. Und wenn man bei Regen durch Hamburg radelte, dann war man ebenso fast allein auf den Radwegen. Wenn man vor wenigen Jahren jedoch im Dezember bei Regen mit dem Rad unterwegs war, dann konnte man sicher sein, dass man weit und breit völlig allein per Fahrrad unterwegs war. Das ist mittlerweile anders: Inzwischen radeln viele sogar im Dezember bei Regen! Vielleicht ist der grauenhafte Hamburger Straßenverkehr auf dem Wege der Besserung? Wird auch Hamburg sein seit den 1950/60er-Jahren entsetzlich wucherndes Krebsgeschwür irgendwann zurückdrängen?

Soviel Zeit, wie meine Heimatstadt, darf ich mir selber dafür allerdings nicht nehmen! Ich werde mein Krebsgeschwür zügiger in Angriff nehmen müssen. Und das Fahrradfahren wird für mich dabei eines meiner Mittel sein. Es soll mir Lebensfreude geben und mein Immunsystem in Gang halten. Meinen Onkologen werde ich den Auftrag geben, dafür zu sorgen, dass ich im Jahr 2015 wieder am Jedermannrennen der Hamburger Cyclassics teilnehmen kann! Im Gegensatz zu früheren Übungen im Radsport, wäre ich dabei dann auch mit der kurzen Strecke über 55 km zufrieden! Mit dem Rennrad gegen den Krebs?!?

Aber die Normalität ist das Radeln durch die Stadt zur Arbeit, zum Einkauf, zum Bäcker, zu Freunden, ins Kino usw. Und „Normalität“ als solche beginne ich seit dem Wissen um meine Erkrankung plötzlich, auf eine ganz neue Form, zu schätzen!

Dazu gehört natürlich auch meine Arbeit. Etliches ist so, wie seit vielen, vielen Jahren. Und doch schätze ich es jetzt ganz neu. Was über viele Jahr einfach so vorhanden und normal war, ist jetzt plötzlich für mich bedroht durch meine existenzielle Krebs-Erkrankung. Und dadurch merke ich um so mehr, wie sehr ich dies alles einfach mag!

Die letzten Wochen, ja, Monate waren vollgepackt mit Arztbesuchen, Krankenhausterminen, Operationen, furchtbaren Verlusten von Lebensqualität (so hatte ich, um nur ein Beispiel zu nennen, Ende Mai eine Operation am Auge nach einer spontanen, totalen Netzhautablösung – was zu einem Rest von wenigen Prozenten Sehstärke auf einem Auge führte). Wenn solche Erkrankungen dermaßen geballt auftreten, dann zieht jedenfalls bei mir nur eines ein: Der Wunsch nach Normalität!

„Normalität“, der übliche Gang der Dinge – er gibt einen Ruhepol und eine Sicherheit, die mir durch meine sehr plötzlich auftretende Kette an ernsthaften Erkrankungen zuletzt abhanden zu kommen scheint.

Diese beiden Tage gestalten sich „ganz normal“ und sind – eigentlich ja schon ein Widerspruch an sich – dadurch schon etwas Besonderes! Ich fahre wie üblich zur Arbeit, bin dort für neun bis zehn Stunden. Einiges an Zeit wird dafür verwendet, den Kollegen Dinge zu zeigen und zu erklären, die üblicherweise ich mache. Wer weiß schon, wie oft und wie lange ich denn in nächster Zeit noch hier sein werde?

Anschließend geht’s nach Hause, ich esse etwas, bin müde, schaue Nachrichten und ins Internet. Alles ganz normal. Wie wunderbar!

Dies wird mir wohl für längere Zeit abhanden kommen. Umso mehr genieße ich momentan den „Zauber der Normalität“!

Etwas jedoch ist dann nicht ganz gewöhnlich an diesen beiden Tagen : Am Vormittag des folgenden Mittwochs habe ich meinen ersten Termin in der Onkologie des UKE, bin dann also „richtiger“ Krebspatient. Dies will durchaus ein wenig vorbereitet werden, also schnappe ich mir einen Zettel und notiere ein paar Fragen für den Folgetag. Und habe insgesamt eine recht große Zuversicht: Endlich sollten sich ein paar Dinge klären, ich mir einiges erklären lassen und ich eine Idee bekommen, wie es aus Sicht der Ärzte der Onkologie mit mir weitergeht. Endlich!

 

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