TAG 78: Die Studenten und ich

Montag, 16.2.2015

24 von 30 Bestrahlungstagen, 43,2 Gray Energiedosis gegen meinen Krebs.

Ja, das war heute mal wieder ein UKE-Tag ganz nach meinem Geschmack! Ein guter Wochenanfang.

Angefangen hatte es schon Mitte der vorangegangenen Woche. Am Nachmittag des Mittwoch bekam ich einen Anruf vom UKE. An sich nichts ungewöhnliches, immer wieder mal gab es Anrufe wegen irgendwelcher Terminverlegungen. Aber nein, diesmal gab es ein anderes Anliegen: Man wolle fragen, ob bereit sei, einen der Doktoren in eine Vorlesungsstunde zu begleiten. Dort sollen Studenten prinzipiell lernen, wie eine Anamnese abläuft, bzw. ablaufen kann.

Am Montagmittag würde das Ganze stattfinden. Ich sei ja krank geschrieben, von daher würde es ja vielleicht passen? Man würde das mit einem Bestrahlungstermin um die Mittagszeit kombinieren. Ich könne es mir gerne auch noch eine Weile überlegen.

Ja, solche Aktionen mag ich! Ohne weiter nachzudenken sage ich direkt zu. Und wenn ich nur ein winziges Krümelchen dazu beitragen kann, dass die jungen Ärzte gut ausgebildet werden, dann ist das ja nur in meinem Sinne. Und letztlich ist das UKE ja nicht „nur“ ein Krankenhaus, sondern halt ein Universitätsklinikum ist. Hier werden eben auch Ärzte ausgebildet.

Wie die nun gerade auf mich kommen, frage ich mich nach dem Telefonat natürlich. Meine „persönliche Krebsberaterin“ aus dem Haus meint, weil ich eben so ein netter, umgänglicher Typ sei. Quatsch – meine ich! Wahrscheinlich habe man schon 87 andere Patienten gefragt und nun endlich einen Dummen gefunden.

Anstatt der üblichen Morgentermine, üblicherweise zwischen acht und neun Uhr, komme ich an diesem Montag also erst kurz vor ein Uhr zur Bestrahlung – die auch ohne viel Wartezeit über die Bühne geht. Danach holt mich der Arzt ab und es geht direkt in den kleinen Vortragsraum. Er erzählt mir noch unterwegs, dass es sich um eine nicht sehr große Gruppe Ärzte handelt, die an sich fertig ausgebildet sind, also kurz vor Abschluss ihres Studiums.

Ungefähr 12-15 junge Leute erwarten uns dort, in den vier breiten Sitzreihen drängeln sie sich nach hinten. Als wir kommen ist gerade noch ein anderer Patient dort, aus der internistischen Abteilung. Aber zügig wird auf uns gewechselt. Eine nette kleine Veranstaltung. Und da ich seit einigen Monaten ja eh fast nur mit mir selber beschäftigt bin, ist das Thema dieser Veranstaltung für mich sowieso extrem spannend. Denn dieses Thema bin ja jetzt ich.

So richtig weiß ich noch gar nicht, was ich hier jetzt soll, aber das wird mir ganz schnell klar. Kurz werde ich vorgestellt, es wird noch gar nichts über meine Erkrankung erzählt, sondern ich werde gleich gebeten, doch mal zu erzählen, wie denn meine Erkrankung überhaupt angefangen habe.

Eher im lockeren Plauderton, als mit wissenschaftlicher Präzision, erzähle ich also von meinem „alten Problemzahn“, der mir schon so einige unangenehme Behandlungen eingebracht hatte, unter anderem gleich drei Wurzelspitzenresektionen. Irgendwann, es war kurz nach einer fetten Augenoperation, habe es knirsch-knack gemacht. Und eben jener Zahn war dann plötzlich lose, richtig lose. Irgendwie keine richtige Überraschung, mit dem Vorlauf der letzten zehn Jahre. Meine Zahnärztin habe den Zahn dann gleich als unrettbar erkannt – wollte allerdings trotzdem ein Röntgenbild davon machen. Und als sie das Bild anschaut, habe sich ihre Stirn gleich in Falten gelegt und sie zeigt mir, dass eine rechte Kieferhöhle verschattet sei. Das solle ich mal beim HNO-Arzt untersuchen lassen – und das bitte nicht auf die lange Bank schieben.

An diesem Punkt meiner Erzählung grätscht dann der Arzt hinein und fragt in die Runde der Studierenden „Ja, und was nun? Was hätten Sie gemacht? Die Kieferhöhle ist verschattet – wie geht es denn da weiter?“

Ein wenig amüsiert sehe ich, dass diese sich enorm schwer tun. Es wird etwas herumgedruckst – ganz offenkundig will niemand sich die Blöße geben, möglicherweise etwas Falsches zu sagen. Oha, denke ich – das sind beinahe fertig ausgebildete Ärzte und tun sich mit dem ersten Schritt so schwer? Schweigen im Walde… Was ist da so schwer? Selbst mit meinem inzwischen etwas ausgebauten Laiensachverstand käme ich doch darauf.

„Ein CT?“ brummelt eine männliche Stimme von hinten fragend. Ja, genau, freut sich der Arzt. Na also, denke ich. „Und – was denn noch?“ möchte er wissen. Etwa noch was? denke ich. Eine weibliche Stimme sagt fragend: „Großes Blutbild?“. „Ja, na klar“, meint der Arzt. Soso, aha, denke ich, und sage „nö, das wurde da noch gar nicht gemacht. Später erst.“ Die Folge dieser Bemerkung war eine kurze Diskussion mit einigen ärztlichen Fachbegriffen.

Und in der Art ging es weiter, ein wenig erzähle ich, es wird gefragt, wie es denn jetzt weitergehen kann oder soll oder muss, was für Möglichkeiten außerdem noch bestehen. Die ärztlichen Erläuterungen werden mit der Zeit für mich immer unverständlicher. Aber ich bin ja auch kein Arzt. Finde die Veranstaltung aber recht lustig.

Irgendwann wird mir dann klar, warum denn ausgerechnet ich gefragt worden bin, hier teilzunehmen: Mein Krebs ist eine ziemlich exotische Angelegenheit! Das gibt dem Arzt die Gelegenheit, die Studentengruppe auf einiges hinzuweisen, auf das man bei Diagnosen auch noch achten müsse. Er lässt sie eine ganze Weile hin und her überlegen, was bei mir wohl vorliegen kann. Um weiter auf den Weg zu führen, gibt er zu den Vermutungen immer wieder Hinweise aus den umfangreichen diagnostischen Unterlagen von mir.

Es fallen diverse Vermutungen zu meinem Tumor, und, ja, die meisten könnten theoretisch auch angehen. Aber, nein, es stimme nicht. Fast ist es, wie bei einem Quiz. Irgendwann kommen sie nicht mehr weiter, und ich kann es mir nicht verkneifen, wie früher in der Grundschule zu rufen „ich weiß es, ich weiß es“. Aber das hilft auch nicht – sie kommen nicht darauf, was meine Krebsart genau ist. Ich bin halt ein Exot. Immerhin bis zu einem Lymphom reichen die Vermutungen, und das ist ja schon sehr nahe dran an meinem solitären Plasmozytom.

Irgendwann kommt halt raus, dass ich ein solches, solitäres Plasmozytom in der Kieferhöhle habe. Sehr, sehr selten! betont der Arzt und gibt ein paar Erläuterungen zu der Krebserkrankung – ich verstehe nicht mal die Hälfte davon. Macht nichts. Doch irgendwann gehen die Erläuterungen in die Richtung, wie ich es wieder verstehen kann. Woran kann man die Erkrankung erkennen? Es gibt unter anderem Erläuterungen zu den angegriffenen Knochen, in denen sich auf Röntgenaufnahmen und CT-Bildern deutlich Löcher abzeichnen würden. Dies ganze würde gipfeln – ich ahne den vom Arzt in Angriff genommenen Begriff voraus, hatte ihn schon mal im Internet gelesen – in der typischen Symptomatik des „Schrotschussschädels“. Da würde der Schädel halt so aussehen, als sei er von einem Schrotgewehr am Kopf getroffen worden. Ich zeige in der Runde, dass dies eine schauderhafte Vorstellung für Patienten ist – und verlinke auf dieser Seite mit Absicht kein Bild o.ä. Wer mag, kann ja nach Bildern im Web suchen…

Auch über die auftretenden Nebenwirkungen wird noch geredet, und was dort zu machen sei. Und nachdem ich durch einen Kommentar hier im Blog darauf aufmerksam wurde, dass es Ärzte gibt, die nicht wissen, dass bei Bestrahlungen am Kopf durch ein blaues Licht im Auge ein optischer Effekt auftauchen kann, dachte ich mir, ich erzähle das auch mal. Sozusagen als Neuigkeit für sie. Durchaus ja eine Art Nebeneffekt der Bestrahlung – von dem allerdings niemand etwas mitbekommt, außer mir. Der Arzt erläutert dazu, dass dies bei wenigen Patienten vorkommen mag, und hierfür wohl eine Reizung der Nerven verantwortlich wäre.

Kaum beendet der Arzt die besondere Sprechstunde, da ist die Studentengruppe auch schon aus dem Raum verschwunden. Etwa so schnell, wie man das Wort „tschüss“ aussprechen kann. Ob die Zeitdruck haben? Oder ob die sich dachten, nichts wie weg hier, bevor es noch andere komische Fragen gibt?

Der Arzt bedankt sich gefühlte siebenmal bei mir, verschreibt mir noch eine andere Creme für meine angebrannte Gesichtshaut und eine Creme für mein gereiztes Auge. Damit ist mein heutiger, außergewöhnlicher Bestrahlungstermin beendet. Und es hat mir Spaß gemacht.

Die Abendgestaltung sieht für mich heute mal anders aus, als in den letzten Wochen, wo ich daheim viel Zeit vorm Fernseher, am Telefon oder auch am Rechner verbrachte. Es steht, nach langer Zeit mal wieder ein Spiel meines bevorzugten Fußballvereins auf dem Plan. Es ist ziemlich kalt und windig an diesem Abend und mir kommen Zweifel, ob es eine gute Idee ist, dorthin zu gehen in meinem etwas klapperigen Zustand.

Nachdem jedoch von meinen rund zehn Leuten einer nach dem anderen wegen Krankheit absagt, denke ich mir, na, da muss doch zumindest ich dorthin! Gerade mal auf vier Leute ist unser Grüppchen geschrumpft – und ich schaue in erfreute Gesichter, als ich auftauche.

Leider liefert mein zweitklassiger Verein keine seelische Unterstützung für meinen Heilungsprozess ab. Er beißt sich auf dem letzten Platz, einem Abstiegsplatz, fest. Mit meinem zweitklassigen Krebs hege ich zwar keine Aufstiegshoffnungen zu einem erstklassigen Krebs (mit Operationen und Chemotherapie und allem Drum und Dran), aber der Klassenerhalt sollte mir inzwischen sicher sein. Irgendwie habe ich seit heute plötzlich das Gefühl: Der Krebs ist weg, er ist abgetötet. Aus, vorbei!

Aber das ist nur ein Gefühl. Zeigen wird sich dies wohl jedoch erst im Juni, frühestens. Wenn die ersten großen Nachuntersuchungen anstehen. Bis dahin werde ich mit dem allerdings vagen Gefühl leben dürfen, krebsfrei zu sein.

 

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