TAG 56: Mein Lebensverlängerungsapparat – eine volle Woche Bestrahlung

Freitag, 23.1.2015

8 von 30 Bestrahlungstagen, 14,4 Gray Energiedosis gegen meinen Krebs.

So, nun habe ich die erste komplette Woche mit Bestrahlungen hinter mir. In der vorangegangenen Woche hatte ich ja drei Bestrahlung, in dieser Woche fünf. Mit den zusammen acht Bestrahlungen habe ich rund ein Viertel der insgesamt anstehenden hinter mir. Noch nicht so richtig viel. 14,4 Gray sind bis jetzt auf mich niedergeprasselt – ohne, dass ich davon direkt irgendetwas gemerkt hätte.

Am heutigen Freitag habe ich allerdings auch mal eine Ahnung von einer der möglichen Nebenwirkung: Irgendetwas in meinem Mund scheint aus dem Lot zu geraten. Die Haut im Mund fühlt sich gereizt an, etwas angeschwollen. Nichts dramatisches, aber natürlich bin ich momentan super-sensibilisiert, was solche Empfindungen angeht. Wenn ich an Kiefer und Kieferhöhle bestrahlt werde, sind natürlich als allererstes im und am Mund weitere Folgen zu befürchten.

Das ist mir schon längst klar – wahrscheinlich bin ich momentan auch ein wenig hysterisch. Und reagiere eben so auf die winzigsten Veränderungen. Und genau so hysterisch habe ich seit Beginn der Bestrahlung auch meine Mundpflege angelegt – wenn auch bisher mit konventionellen Mitteln, ohne Medizin. Nach jeder Mahlzeit wird – vorsichtig! – mit weichen Borsten Zähne geputzt, mal elektrisch, mal per Hand. Interdentalbürsten kommen – sehr vorsichtig! – zwei- oder dreimal am Tag zum Einsatz. Zwei- bis dreimal Mundspülung, antibakteriell und mit Fluor, und, ja, klar, ohne Alkohol. Immer wieder mit Salbeitee spülen. Zweimal ein spezielles Balsam für das Zahnfleisch. Zungenreinigung. Lippenpflege. Insgesamt gut eine Dreiviertel bis eine ganze Stunde pro Tag, Tendenz steigend. Eher die Zeit, die ich früher in der ganzen Woche hierfür verwendete, wenn überhaupt.

Obendrein bin ich mit der Ernährung extrem streng mit mir geworden. Fast kein Zucker, fast kein Fleisch, frisches Gemüse gekocht und als Rohkost, viel Obst, mal ein Naturjoghurt, Vollkornbrot mit vegetarischen Pasten und auch mal Käse, häufiger mal Fisch. Trinken tue ich nur stilles Wasser und Kräutertees, dabei fast immer… Salbei-Tee. Fast fühle ich mich inzwischen als „Ernährungs-Ultra“.

Und jetzt habe ich das Gefühl, dass der Aufwand sich nicht wirklich lohnt: Im Mund tut sich was. Schon, nach so wenigen Tagen. Was kann ich noch tun? Etwas ratlos bin ich derzeit schon. Mit kurzen Blicken ins Internet kann man schnell von schlimmen Entzündungen im ganzen Mund-Rachen-Raum lesen, die sogar Schlucken und Sprechen nahezu unmöglich machen und auf künstliche Ernährung hinausläuft. Oder Zähne werden porös und zerstört, machen Probleme, fallen aus.

Kurz: Ich hadere heute mit den Bestrahlungen. Aber eine Alternative gibt es eben nicht. Die denkbaren Alternativen wären früher oder später tödlich. Was also soll mein Lamentieren? Nur richtig wohl fühle ich mich gerade auch nicht in meiner Haut.

Den größten Teil der Woche war dies jedoch anders! Eigentlich ging es mir blendend die Woche über. Brav bin ich zur Arbeit gegangen – ja: gegangen. Üblicherweise kann ich ja kaum ohne mein Fahrrad sein, aber gerade mache ich das mal anders. Am Montag radelte ich noch zur Arbeit, geriet dann aber auf meiner Strecke unversehens auf dem kilometerlangen Stück an der Elbe in ein Gebiet, wo es extrem glatte Abschnitte gab. Ich dachte an einen Freund, der vor ein paar Wochen auf seinem Weg von Buxtehude nach Finkenwerder auf einer ebenso unvermittelt aufgetauchten Glättestelle gestürzt war, und, auch ohne sich etwas zu brechen, drei Wochen kaum laufen konnte und krank geschrieben wurde.

Blitzartig hatte ich auf meiner Fahrt Angst, des es wurde mir sofort klar: Nichts kann ich während meiner Krebstherapie weniger gebrauchen, als einen Sturz mit dem Fahrrad mit irgendwelchen Verletzungen! Nichts wäre derzeit blöder, als das! Mein Immunsystem ist sicherlich komplett damit ausgelastet, die Strahlenschäden zu reparieren. Natürlich nicht in den Krebszellen, aber drumherum.

Kein Risiko also! Schön auf mich aufpassen muss ich derzeit!

Ich stelle mir eine simple Regel auf: Sofern morgens im Radio vor Glätte in Hamburg gewarnt wird, wird nicht geradelt. Basta! Da das Wetter derzeit recht stabil und winterlich-kalt ist, immer wieder Nebel mit Raureif sowie rund um meinen Arbeitsplatz auch immer wieder regionaler Industrieschnee auftritt, kaufe ich mir gleich eine Wochenkarte beim HVV.

Als Bewegungsausgleich gehe ich viel zu Fuß, nie unter einer Stunde am Tag, gerne auch mal eher zwei. Ich spüre, dass mir das gut tut. Mäßige Bewegung während einer Krebs-Therapie wird allgemein sehr empfohlen. Und momentan fällt mir das noch leicht. Den Weg von der Klinik nach Hause gehe ich regelmäßig zu Fuß, gerne auch mit einem größeren Umweg. Der direkte, 2,5 km lange Weg direkt durch ein Gewerbegebiet ist nicht schön.

In der Woche hatte ich bei der Strahlentherapie des UKE ausgesprochen späte Termine zugeteilt bekommen, an vier Tagen erst kurz vor acht Uhr abends. Dann herrscht dort dann große Ruhe, einige wenige Patienten trifft man, hin und wieder sehe ich jemanden vom Personal. Aber eigentlich ruht die Station dann sehr in sich.

Der Nachteil an den späten Terminen: Es sind richtig lange Tage für mich. Morgens um acht verlasse ich das Haus, abends gegen neun bin ich wieder daheim. Dann wirds auch immer schon höchste Zeit, Essen zu machen. Das zuletzt umso wichtiger gewordene soziale Leben leidet so durchaus. Da bin ich dann ganz froh, dass man mir am Freitag für die folgende Woche Termine zwischen sechs und sieben Uhr abends mitteilt.

Bestrahlungs-Maske

Da bin ich kurz vor der Bestrahlung mit meiner „Schlafmaske“ bereits festgeschnallt. Die Markierungen auf der Maske sind mit den Laserlinien exakt in Übereinstimmung gebracht – die Position ist okay.

Aber: Was tut man nicht alles, um den tödlichen Feind im eigenen Körper in die Knie zu zwingen? Da spielt es ja in der Tat überhaupt keine Rolle, mal ein paar Wochen auf den gewohnten Trott verzichten zu müssen und diese Abends gemütlich im Krankenhaus zu verbringen. Sich nett auf die Pritsche zu legen, für meine Fixiermaske habe ich auch im UKE inzwischen angefangen, den Begriff „Schlafmaske“ zu etablieren.

Denn es ist fast Abend für Abend so, dass ich kurz „wegsacke“, ein kurzes Nickerchen mache, oder wohl eher einen Sekundenschlaf. Mittlerweile vorzugsweise direkt während des Bestrahlungsvorgangs, der bei mir, wie ich mittlerweile weiß, exakt 5 Minuten 20 Sekunden dauert. Regelmäßig erschrecke ich mich dann jedoch in meinem Dämmerzustand, wenn nach zwei, drei Minuten Bestrahlung die blauen Lichter in meinem Kopf aufflackern – auch, wenn  diese nicht mehr so grell sind, wie bei der ersten Bestrahlung. Vorher träume ich regelmäßig ein wenig.

Im Gegensatz zu meinem Nachtschlaf behalte ich auch zumeist die kurzen Träume, die mir hier durch den Sinn huschen. An einem Tag liege ich da in der Röhre und habe den ganz klaren Gedanken: Heute bin ich viel zu wach, heute wird es nix mit neuen Träumen! Nur einen kleinen Augenblick später stehe ich ratlos vor dem Raumschiff Enterprise und suchte eine Eingangstür (!). Wie schade: Leider, leider finde ich diese nicht… Erst später, auf dem Nachhauseweg, fällt mir auf: Dieser Raumschiff-Enterprise-Traum war bestimmt von der Geräuschkulisse der TomoTherapie-Geräts beeinflusst. Denn das klingt durchaus wie ein dauerhaftes „Beam me up, Scotty!“

Auch ansonsten erlebe ich dabei merkwürdige Dinge: Mal zitiert mich mein Abteilungsleiter an die Tafel, wo ich eine mathematische Gleichung herleiten soll (das war früher in der Schule immer eine Schwäche von mir – also eher ein Alptraum). Oder ich versinke beim Fußballtraining in fast knietiefem Matsch (wohl ähnlich, wie bei den Dithmarscher Watt-Olümpiaden – mein letztes Fußballtraining ist jedoch über 30 Jahre her, damals allerdings gerne bei solchen Witterungsbedingungen). Oder ich versuche, jemanden Achtlosen dadurch auf mich aufmerksam zu machen, dass ich ihm einen Eimer Wasser über den Kopf kippe.

Tja – so lustig kann es ruhig weiter gehen in der kommenden Zeit! Auch der Kontakt zu dem Personal gestaltet sich nett. Inzwischen wechselt man ein paar Worte über den Vorgang hinaus. Die Technik wird mir mal ein wenig erklärt. Und ich bitte dann mal darum, das eine oder andere Foto zu machen, das macht man dann fröhlich gleich in Serie.

Fröhlich bin ich selber meist auch, wenn ich dort bin. Denn: Irgendwann wurde mir klar, dass dieses TomoTherapie-Gerät (einer US-Internetseite konnte ich entnehmen, dass man in den USA für solch ein Gerät 3,7 Millionen US-Dollar auf den Tisch legen muss) für mich eine ganz besondere Funktion hat. Es ist ohne Zweifel mein „Lebens-Verlängerungs-Apparat“! Und das Personal sind meine Lebensretter.

Nicht gerade jetzt, sofort, akut. Aber ohne jegliche Behandlung hätte ich ja vielleicht noch zwei oder drei Jahre, bis der Krebs sich ausgebreitet hat und anfängt, meine Knochen zu zerstören – mich zu zerstören. Vielleicht ja auch fünf Jahre.

Dazu wird es nach dieser Therapie nicht kommen, jedenfalls nicht so schnell! Es hilft mir in meinem zukünftigen Leben, was jetzt passiert: Der Krebs wird deutlich verkleinert, wenn nicht gar ganz zerstört werden. Durch die Bestrahlung. Durch die gute, saubere Arbeit, die da geleistet wird. Mein Leben wird sich hierdurch verlängern, vielleicht sogar ja ganz erheblich. Wenn man sich das so vor Augen hält, dann relativiert das die vielleicht auftauchenden Nebenfolgen. Dann kann man eigentlich nur guten Mutes zu diesen Terminen gehen.

Tomotherapie Bestrahlung

Mein Lebensverlängerungsapparat im UKE, das Gerät der Tomotherapie.

Zu meinem Lebensverlängerungsapparat.

Fast entwickle ich dieser Maschine gegenüber Gefühle von Dankbarkeit. Auch etwas absurd! Und momentan ist ja noch nicht wirklich viel passiert – das wird erst durch das Durchhalten über die ganze Zeit erreicht. Und ich bin ja eigentlich nach wie vor noch am Anfang.

Offenkundig ist auch, dass die Organisation dort in der Abteilung richtig gut klappt. Okay, in dieser Woche erlebte ich gleich vier Terminänderungen – aber die kamen mir eigentlich alle entgegen. Zuweilen ist es dann vor Ort so, dass mir kaum die Zeit bleibt, mich im Wartebereich hinzusetzen, nachdem ich mich angemeldet habe – schon werde ich aufgerufen.

Das klappt also gut, aber nun ist es ja auch so, dass bei der Strahlentherapie der Zeitplan gut vorhersehbar ist und nicht durch Notfälle durcheinander gewirbelt wird. Oder kommt es etwa vor, dass Unfallopfer oder plötzlich schwer Erkrankte ganz plötzlich und schnell bestrahlt werden müssen? Wohl kaum!

Hilfreich in meinem derzeitigen Leben erscheint mir zudem die Struktur, die mir mein normales Arbeitsleben beschert. Dort habe ich mich in der Woche mehr als sonst mit einigen aufgelaufenen, zeitaufwändigen Routineaufgaben beschäftigt. Diese fressen Zeit, überlasten mich jedoch nicht. So kann es ruhig noch eine ganze Weile weitergehen…

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ich meine Krebstherapie weiterhin sehr optimistisch angehe. Mein Respekt vor auftretenden Nebenwirkungen ist nach wie vor erheblich. Eine Ahnung davon, wie schnell da etwas auftreten kann, habe ich gerade erhalten. Das Wochenende wird mir gut tun – noch mehr, als im „üblichen Arbeitsbetrieb“. Und danach geht es dem Feind in meinem weiter an den Kragen.

 

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