TAGE 16/17: Ist der Tod (k)ein Thema?

Samstag / Sonntag, 13./14.12.2014

Eines mögen die Personen um mich herum überhaupt und ganz und gar nicht: Wenn ich den Tod erwähne. Und sei es nur mit einer kleinen Randbemerkung. Zum Beispiel dadurch, dass ich im Kollegenkreis erwähne, nicht zu wissen, ob mein Arbeitsleben bald vielleicht endgültig vorbei sei. Oder flachsend zu den Kollegen zu der Todesanzeige auf dem Info-Monitor sage: „Guck mal, da stehe ich auch bald.“ Oder wenn ich bei meinen Fußball-Freunden darüber sinniere, dass ich wohl noch den Abstieg, aber vielleicht ja nie wieder einen Aufstieg unseres Team erlebe.

Nein, nein, nein, heißt es dann: So weit solle und dürfe ich gar nicht denken! Das sei kein Thema! Und überhaupt werde ich noch genügend Mühe damit haben, meine Urenkel zu bändigen.

Alle wollen mir Optimismus einimpfen – und das ist ja auch gut so! Außerdem ist Tod kein schönes Thema, am liebsten schieben wir alle es beiseite – und auch das ist gut so! Alle lässt dieser Gedanke schaudern.

Und doch – für mich ist der Tod ein Thema, da er deutlich näher an mein derzeitiges Leben herangerückt ist. Ich selber bin allerdings aus eigentlich ganz unerklärlichen Gründen ziemlich optimistisch, was meine Krebserkrankung angeht. Eigentlich denke ich, dass sie mich nicht so flott dahinraffen wird. Und doch, immer schwingt auch der Gedanke mit: Ob das auch wirklich so sein wird?

Das Thema Tod ist für mich ein denkbares geworden. Kein schönes, aber doch. Wenn ich eine Krebs-Erkrankung habe, mit der man vor einigen Jahrzehnten noch eine Lebenserwartung von durchschnittlich einem Jahr hatte, heute durchschnittlich fünf Jahre – dann ist der Tod zwangsläufig ein Thema, das man nicht verdrängen, nicht beiseite schieben kann. Zumal, wenn man eine Krebserkrankung hat, die in aller Regel nicht heilbar ist. Ich weiche den Gedanken um den Tod nicht aus, er ist definitiv näher gerückt für mich, ohne Zweifel.

Natürlich stelle ich mir die Frage: Auf welcher Seite dieses „statistischen Mittelwertes“ von rund fünf Jahren Lebensdauer werde ich landen? Werde ich zu denjenigen gehören, die zwischen der Zeitspanne null und fünf Jahren stecken und in diesem Zeitraum sterben müssen? Oder werde ich zu denen gehören, die jenseits des Mittelwertes von fünf Jahren landen? Oder bin ich gar einer von den ganz wenigen, ganz glücklichen, die weit jenseits der Fünf-Jahres-Spanne landen? Wer weiß.

Wir alle wissen allerdings, dass der Tod unabwendbar ist.

Aber ist er auch unaufschiebbar?

Oder bleibt er ein klein wenig aufschiebbar? Für mich, trotz meines Plasmozytoms?

Auch das weiß derzeit niemand – aber es sind Fragen und Themen, die mir immer wieder durch meinen Sinn huschen und mich beschäftigen.

Aber er wird kommen, der olle Gevatter Tod. Bei mir wahrscheinlich früher, als er ohne Krebs gekommen wäre. Es gibt jedoch auch einige wenige, die mit meiner Art von Krebs sterben – nicht an ihr.

Das Komische an diesen Gedanken: Sie ziehen mir nicht runter, derzeit jedenfalls nicht. Sicherlich: Das wäre bestimmt anders, wenn sich diese Fragen für mich um Wochen oder Monate Lebenszeit drehen würden. Dann wäre sicher Verzweiflung mein vorherrschendes Lebensgefühl. Und ich habe eh vollstes Verständnis für jeden, den es in ähnlicher Situation mit einer existenziellen Bedrohung anders ergeht.

Eine richtige Erklärung für meine eigene, gute seelische Verfassung habe ich gar nicht, aber ich fühle mich nach den ersten fassungslosen Tagen derzeit sehr stabil. Und auch, wenn es völlig paradox und vermessen klingt: Fast habe ich das Gefühl, durch meine Krebserkrankung einen sehr schnell spürbaren Zugewinn an Intensität des Lebens gewonnen zu haben. Fast könnte ich sagen, dass es mir derzeit richtig gut geht und ich das Erlebnis der Nähe zu Menschen bewusster genieße, als sonst.

Aber das ist momentan auch leicht geschrieben, denn: Derzeit habe ich noch nichts auszuhalten – außer mich seelisch neu sortieren zu müssen. Derzeit läuft noch keine Therapie. Derzeit habe ich noch nicht mit Nebenwirkungen wie Übelkeit und Kotzerei, Haarausfall und Zahnprobleme, Erschöpfung und Depressionen zu kämpfen. Derzeit spüre ich körperlich einfach noch nichts, überhaupt nichts von meiner Krankheit.

Da ist es leicht, zu schreiben: Mir geht’s gut!

Und doch: Gerade auch WEIL ich weiß, dass eine wirklich schwere Zeit unweigerlich auf mich zu kommt, nehme ich die derzeitige Phase als besonders gut wahr. Das muss ich doch genießen!

Denn letztlich ist Krebs eine tödliche Krankheit. Wenn nichts gemacht wird, dann führt meine Erkrankung in überschaubarer Zeit zu einem qualvollen Tod. Das ist momentan schlicht der Stand der Dinge. Ob es mir gefällt oder nicht. Da gibt es für mich ja nicht mehr viel zu verlieren!

Aber es gibt verdammt viel zu gewinnen. Auch, wenn ich wohl kein völlig unbeschwertes Leben zurückgewinnen kann, wohl nie mehr – ich kann, mit Hilfe der Ärzte, Zeit gewinnen. Pure Lebenszeit. Vielleicht ja sogar richtig viel Lebenszeit. Das sind doch eigentlich gute Aussichten, oder?

Und dass es Ärzte gibt, die, je nach Sichtweise, kleine Wunder oder große Kunstwerke vollbringen können, das habe ich erst im Sommer mit meiner Augenoperation erlebt. Dort schaffte es ein ärztlicher Künstler, mich von dem auf einem Auge Erblindeten wieder zu einem so einigermaßen Sehenden zu machen. Was ich noch immer als Wunder wahrnehme.

Allerdings gebe ich auch zu: Man kann diese Gedanken auch anders herum betrachten. Vor drei Wochen noch hatte ich das Gefühl, dass es eigentlich nur einer der zahlreichen aggressiven und gemeingefährlichen Hamburger Autofahrer mit seinem Hass auf „die Fahrradfahrer“ verhindern kann, dass ich hundert Jahre alt werde.

Nun sieht dies anders aus. Nun ist es schon ein kleiner Erfolg, wenn ich 60 werde. Ab 65 wäre alles etwas Großartiges! Wenn ich dies als einen Verlust an meinen Lebensjahren ansehe, dann habe ich mir eine schöne Anleitung zum Unglücklich-sein geschaffen. Und letztlich beruhte mein ursprüngliches, kindliches Gefühl, irgendwie doch unsterblich zu sein, nur auf lückenhaftem Wissen.

Aber neben diesen Gedankenspielen beschert mir dieses Wochenende außer dem einen oder anderen Telefonat auch wieder ein Treffen mit meinen Fußballfreunden. Ein Spiel der zweiten Bundesliga steht wieder an. Einer meiner langjährigen Freunde war vor 14 Tagen nicht dabei und weiß noch nichts von meiner Erkrankung. Als ich ihm das dann im Stadion, nebenbei, mit dürren Worten erzähle, erfahre ich eine Reaktion, die für mich völlig neu und und schwierig zu handhaben ist: Er verstummt vor Schreck völlig! Fragt auf meine knappen Infos gar nicht weiter nach (das kommt dann erst zwei Tage später per Mail) – es verschlägt ihm förmlich die Sprache, er ist überfordert.

Also lasse ich ihn einstweilen in Ruhe, als er seine Worte wiederfindet, reden wir über Fußball und die Trostlosigkeit das Daseins unseres Vereins. Wie immer mit einem kräftigen Schuss Ironie und Zynismus.

Die Trostlosigkeit nimmt in dem Spiel beständig zu, unsere Mannschaft kriegt kaum einen Fuß auf die Erde, verliert jämmerlich und beißt sich im Keller der Tabelle fest. Tabellenende, Abstiegsplatz, Letzter!

Von einem Abstiegsplatz bin ich selber nach wie vor wohl ein gutes Stück entfernt. Ich will jedenfalls wieder nach oben, raus aus dem Keller! Und im Gegensatz zu dem Spiel vor 14 Tagen, bei dem mir alles ziemlich egal war, ärgert es mich heute, dass sich unser Verein einerseits so verkrampft, andererseits so kampflos in sein Schicksal ergibt. Das geht so nicht! Man ergibt sich nicht einfach so in sein Schicksal, wenn einem das nicht gefällt!

Man muss kämpfen, wenn man ganz unten ist! Auf geht’s! Raus aus dem Tief!

Trotzdem ist mit dieser Erkenntnis das Wochenende in Sachen „meines Plasmozytoms“ noch nicht ganz abgeschlossen. Am Montag-Nachmittag steht ja mein nächster Termin in der Onkologischen Ambulanz an, dann jedoch bei dem Experten für Plasmozytome. Ein wichtiger Termin! Dieser will wieder mal vorbereitet werden, eine Weile setze ich mich hin und notiere mir Fragen und Anmerkungen, die mir in den letzten Tagen durch den Sinn gegangen sind.

Eine Anforderung liegt mir schon seit einiger Zeit auf dem Herzen: Der Arzt solle doch bitte, bitte dafür sorgen, dass ich im August 2015 wieder an dem Jedermann-Radrennen Cyclassics in Hamburg teilnehmen kann! Das sei doch schließlich eine Leidenschaft von mir! Das werde ich ihm so als Aufgabe für mich auftragen. Wobei mir die Symbolik eigentlich wichtiger ist mit der Aussage: Mach mich doch bitte gesund! Bald!

Ich gehe also bestens gewappnet in das Arztgespräch morgen. Sicherlich gibt es von einigen der durchgeführten Untersuchungen bereits einige Ergebnisse. Ein sehr spannender Termin also, schon jetzt bin ich etwas aufgeregt.

 

Ein Gedanke zu „TAGE 16/17: Ist der Tod (k)ein Thema?

  1. Mi Pfulfa

    Hallo Dirk,
    ich habe selbst mehrere Menschen an Krebs, auch das Plasmozytom, verloren und ich finde, dass der Tod ein sogar ziemlich wichtiges Thema ist, oder mehr: das Sterben. Aber ich glaube auch, dass sich Angehörige sehr schwer damit tun und irgendwie auch sehr stark auf Durchhalteparolen „programmiert“ sind. Was ja an und für sich nicht schlecht ist, vor allem weil dies nicht nur für den Betroffenen, sondern auch sie selbst gilt. Aber ich persönlich finde es total wichtig, dass man auch über den Tod reden kann und die für einem wichtigen Dinge geklärt hat. Ich finde, dass es okay ist, sich damit auseinander zu setzen, dass man sterben wird (früher als gedacht) und was einem Angst macht und wie man das vermeiden kann. Depressionen, Selbstmitleid, Wut und alles andere kommen ohnehin von selbst. Und da ist dann doch noch soviel Leben übrig nach dieser Beschäftigung, soviele schöne Dinge, die man sehen und erleben kann :o)
    In diesem Sinne einen guten Start ins neue Jahr 2015 & LG,
    Mi

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